Zumindest eines kann man der Adventzeit 2021 nicht vorwerfen: Vorhersagbarkeit. Wird sich die Hütten-Geisterstadt vor dem Rathaus noch einmal mit Bacchanten und Punschwolken füllen? Endet der Kaufhaus-Lockdown noch vor dem 24. oder werden die Internet-Konzerne Gewinne im Wert ganzer Staatshaushalte einfahren? Unter welchen Bedingungen darf man heuer eine behördlich abgesegnete Bescherung feiern? Und welcher Mensch, Minister oder Kanzler, wird einem dies im Fernsehen kundtun? Die Kristallkugel verrät es nicht, die Schneekugel auch nicht.

Nur auf Weihnachten ist Verlass. Und darauf, dass die Musikindustrie auch dann neue Festtagsalben ausspuckt, wenn ein Erreger mit obskurem Namen umgeht und dieses Omikron die gesellschaftlichen Gräben weiter vertieft. Da haben Weihnachts-CDs durchaus ihr Gutes. Ganz ehrlich: Zwischendurch einmal "Jingle Bells" aufdrehen statt die jüngsten Corona-News, das kann Seelenbalsam sein in einem Winter des Missvergnügens.

Tiefenentspannt mit NorahJones

Kommen wir darum gleich zum neuen Album der Großmeisterin der Gemütsmassage: Norah Jones. Seit jeher in einem musikalischen Schlummerland zwischen Folkpop und Kuscheljazz daheim, hat sie dort nun auch ihre Weihnachts-LP aufgenommen: "I Dream Of Christmas" (Blue Note Records) trägt seinen Titel durchaus zu Recht. Die Musik, meist in einem bettschweren Tempo unterwegs, hüllt sich in Wohlfühl-Sounds samt Gospelorgel, uriger Slide-Gitarre und einer schicken Prise Elektronik. In erster Linie setzt der Mix aus US-Klassikern und Neuheiten aber natürlich auf die sedierende Hauchigkeit von Jones’ Stimme - und deren Hang zu Beruhigungsmantras der Marke "Huhuhuhu". Etwas viel der Schlummernummern? Durchaus. Und manches ist schon wunderlich geraten. Corona-Angst hin oder her: Der Swing-Klassiker "Winter Wonderland" müsste nicht so klingen, als hätte ihn ein Haufen Reggae-Musiker unter Rohypnol-Einfluss eingespielt.

Aufgeweckter das Weihnachtsdebüt von Gary Barlow. Gary wer? Es ist viel Wasser die Themse hinabgeflossen, seit der Engländer in der Boygroup Take That "den Sensiblen" verkörpert hat und entsprechend gut im Herzen kreischwilliger Mädchen verankert war. Dass Barlows sechstes Soloalbum streckenweise mit dem Sound der 90er Jahre liebäugelt, kommt insofern nicht von ganz Ungefähr. "The Dream Of Christmas" (Universal) hat aber auch andere Eisen im Feuer: Das Album changiert kurzweilig zwischen soliden Popnummern, Bigband-Hadern mit schnittigen Arrangements ("Sleigh Ride") und gut ausgesuchten Balladen-Klassikern - darunter Gustav Holsts "In The Bleak Midwinter" und Greg Lakes nachdenkliches "I Believe In Father Christmas".

Dass der letztgenannte Titel heuer öfter auftaucht, ist wohl kein Zufall. Auch Jamie Cullum hat ihn eingespielt - gemeinsam mit anderem Material, das sein Vorjahreswerk "The Pianoman At Christmas" (Island) nun zu einem Doppelalbum aufspeckt. Die Balladen dienen dabei vor allem dem Durchschnaufen: Wie im Corona-Jahr eins feiert der swingende Sängerpianist ein rauschendes Musikfest mit Big-Band-Verstärkung und gießt ein Füllhorn des Frohsinns über seine Anhänger. Dass der zweite Albumteil (nach Nummer eins mit reichlich Cullum-Originalen) fast nur Coverversionen auftischt, ist kein Beinbruch: Die Schlawinerstimme mit dem rauchigen Timbre leistet den Glückshormonen auch bei gut abgehangenen Swingschinken wie "Winter Wonderland" Vorschub. Und man kreidet es dem ewigen Jungspund auch nicht an, dass der Refrain seiner aktuellen, zentralen Erbauungshymne "Christmas Don’t Let Me Down" von der Musik eines anderen Piano Man zehrt, nämlich von Billy Joels gleichnamigem Song. In diesem Zusammenhang darf das wohl als Hommage gelten.

Seltsam eigentlich, dass Ed Sheeran nicht schon längst im Weihnachtsgeschäft mitmischt. Der Fließbandschreiber austauschbarer Chart-songs pflegt wie kein anderer das Image eines nahbaren Kuschelbären. Gemeinsam mit seinem Fürsprecher Elton John hat er am Freitag nun sein Debütlied in dem Fach lanciert, und es erfüllt die bewährten Produktkriterien der Marke Sheeran: Womöglich weitgehend auf einem Klavier ohne schwarze Tasten entstanden, ist "Merry Christmas" (Warner Music) so flach geraten, wie man sich die Corona-Kurve wünschen würde. Die Vorzüge liegen im augenzwinkernden Video: Wie Sheeran in einem Santa-Outfit à la Mariah Carey seine Pelz-beschuhten Beine schwingt, lässt Kummer und Harm der Pandemie kurz vergessen.

Gleichwohl: Sollte Elton John an dem Song tatsächlich "kreativ" mitgewirkt haben, gereicht ihm das Ergebnis nicht gerade zur Ehre. Da haben die Altersgenossen von ABBA heuer mit ihrem Kleinod "Little Things" (auf dem Comeback-Album "Voyage", Polar Music) die deutlich schmuckere Weihnachtsgabe vorgelegt.

Aber wer sagt eigentlich, dass man die Adventbeschallung den Popstars überlassen muss? Stimmt leider: Die Klassikbranche bekundet heuer wenig Interesse an dem Fach (es sei denn, man rechnet ihr die CD des Royal Philharmonic Orchestra mit Schlagerbarde Howard Carpendale zu). Dafür zeigt sich der Jazz engagiert: Trompeter Till Brönner nimmt sich Liedgut aus deutschen Landen und Übersee vor und verfährt damit auf "Till Christmas" (Masterworks) erstaunlich findig: Sein softer Sound begnügt sich hier nicht damit, Jazz-Ornamente in den Luftraum zu kringeln. Weiträumige Klanglandschaften, im Verbund mit Klavier und Kontrabass gestaltet, erinnern an den elegischen Regentagejazz aus dem Hause ECM und abstrahieren Ohrwürmer sanft. Wenn sich "O Tannenbaum", verpackt in modalem Jazz, erst gegen Ende zu erkennen gibt, mag man überhaupt an den Verhüllungskünstler Christo denken. Noch abstrakter arbeitet das Schweizerisch-Tirolerische Trio Jütz: "Süße Stille" ergeht sich in sphärischen Soundschwaden des Innehaltens, mit alpiner Hackbrettromantik, Gejodel, schrägen Jazz-Solos und Weihnachtsliedern, die halb gesungen, halb gedacht bleiben. Nicht einmal ein Tonträger ist hier vorhanden: Das Album ist nur über einen QR-Code auf den Schokoladen der Schweizer Firma Schöki erhältlich.

Schweinigeln mit der EAV

Das aberwitzigste Album kommt aber aus Österreich - und eigentlich schon aus dem Jahr 1979, als eine No-Name-Band namensErste Allgemeine Verunsicherungmit Weihnachtsliedern ihres Masterminds Thomas Spitzer durch Deutschland tingelte. Das Material ist erst nun, nach dem EAV-Ende, und mit Gastsängern statt Klaus Eberhartinger auf Platte aufgenommen worden. Dass diese zwar weithin angekündigt, doch kaum rezensiert wurde, hat einen Grund. Der Weg, das Album lustig zu finden, dürfte selbst für Fanclub-Veteranen steinig werden. Das liegt nicht nur an einem eher groben 80er-Sound, sondern vor allem an einem Konvolut grotesker bis kruder Kalauer. Deren Tendenz zum Schweinigeln findet schon im doppeldeutigen Albumtitel Ausdruck ("Ihr Sünderlein kommet", Gridmusic) und zotige Höhepunkte im Punkrock-Hammer "Ich bin der geile Weihnachtsmann" und in einem Krampuslied über pralle Säcke.

Wobei: Mit etwas Langmut lassen sich auch hier Perlen von Spitzers Sprachwitz finden. Etwa im Kamelreise-Song "Roll over Bethlehem", in dem ein armes Lastentier "schwitzt wia a Lebakas". Oder in dem Sittenbild "Am Christkindlmoarktl", in dem der Erzähler den Ehebruch seiner besoffenen Frau mitbekommt - hinter dem Maronistand, weil "da hobens as sche woam". Ein Song, für den man derzeit fast dankbar sein kann: Wenn schon kein Punschgelage gestattet ist, dann lieber eine bissige Satire über solche Besäufnisse als schmachtvolle Weihnachtsmarkt-Nostalgie.