Wer dieser Tage durch den Hibiya Koen spaziert, einen der beliebtesten Parks im Zentrum von Tokio, könnte Japan für ein zutiefst christliches Land halten. Der Weihnachtsmarkt, der täglich ab vier Uhr nachmittags öffnet, bietet längst nicht nur Glühwein. Man sieht leuchtende Rentiere, sternförmige Schneeflocken, Weihnachtsmänner und Christbäume. Und in jedem Winkel dieses riesigen Rummels spielt Weihnachtsmusik, die beim genauen Hinhören an die Geschichte aus Betlehem erinnert.

Auf den zweiten Blick aber fehlt doch einiges. Was man nicht sieht: Krippenspiele, Kruzifixe und das Christkind. In der Nähe findet sich auch keine Kirche, in der man einer Andacht lauschen könnte. Die Leute, die hier nach einem gemeinsamen Punsch wieder auseinandergehen, wünschen sich nur selten "frohe Festtage." Dafür sieht man umso mehr Selfies vor blinkenden Figuren. Jesus scheint hier endgültig vom Weihnachtsmann verdrängt. Oder war er jemals da? Weihnachten gehört in Japan jedenfalls zu den beliebtesten Festen des Jahres. Christlich ist das Land aber kaum.

Jedem Monat sein Fest

Nicht einmal zwei Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich als katholisch oder auf irgendeine Weise evangelisch. Die meisten Menschen im ostasiatischen Land sind kaum religiös, folgen eher aus Tradition diversen Ritualen des Buddhismus und des Shinto. Was hat dann Weihnachten hier verloren? Fragt man die Menschen des Landes, wissen es viele zuerst selbst nicht. "Wir haben fast jeden Monat irgendein Fest", sagt Ayano Ishizuka und muss lachen. "Im März und April feiern wir die Kirschblüten. Dann kommen ein paar andere Feste zum Frühling, dann das Bon-Odori im Sommer und so weiter. Und ich glaube, im Dezember gab es noch nichts. Der Platz war quasi frei."

Die 27-jährige Unternehmensberaterin freut sich zwar jedes Jahr auf Weihnachten. "Als Kind wollte ich immer raus auf die Straße, um die ganze bunte Beleuchtung zu sehen. Die Atmosphäre wird dann so gemütlich, obwohl es draußen kalt ist." Aber den kulturellen Hintergrund des Fests kenne sie nicht. "Ich glaube, das Wissen hierüber ist in Japan generell eher oberflächlich." Schon im 16. Jahrhundert gelangte das Christentum durch portugiesische Missionare nach Japan. Besonders weit kam es allerdings nicht. Auch wegen der Aufdringlichkeit jener Gläubigen schottete sich das Land bald für zweieinhalb Jahrhunderte von der Außenwelt ab.

Nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg nahm dann der Einfluss der siegreichen USA zu. Zwar wurde die japanische Bevölkerung dadurch nicht christlich, aber weihnachtsbegeistert. So schaffte es der Fastfood-Konzern Kentucky Fried Chicken, den Menschen einzubläuen, dass man zu Weihnachten traditionell Hühnchen esse.

Heute ist dies eine der modernen Weihnachtstraditionen in Japan. Außerdem ist Weihnachten hier weniger ein Fest der Familie als eins für junge Paare. Man sucht sich gern ein Date wie im Hollywoodfilm. Nicht zuletzt geht es vor allem vielen jüngeren Menschen darum, etwas Exotisches zu erleben.

"Tja, wir sind eben ein Inselland", sagt Motockney Nuquee, ein 41-jähriger Bluesmusiker aus der japanischen Hauptstadt. "Kulturell haben wir hier eher wenig Diversität. Wir haben in der Regel schwarze Haare, dunkle Augen, haben die gleichen Traditionen und so weiter. Und die meisten Menschen haben kaum Kontakt mit anderen Kulturen." Weihnachten mache deshalb besonders Spaß. Als Musiker ist Motockney Nuquee schon in den USA aufgetreten und hat in London gelebt. Er kennt also Länder, wo Weihnachten viel tiefer verwurzelt ist.

Die japanische Art, dieses Fest ohne jede religiöse Nähe zu dessen Ursprüngen zu feiern, ergibt für ihn trotzdem Sinn. Um das zu erklären, lässt er den Begriff "henshinganbou" fallen: das Verlangen, mal jemand anderer zu sein. "Es ist wie ein Rollenspiel!" Weihnachten als Möglichkeit, auszubrechen? Immerhin ist Japan auch eine Kultur strenger Benimm- und Verhaltensregeln. Die sozialen Erwartungen an ein Individuum werden hier stark durch die Rolle definiert, die jemand bekleidet. So haben Frauen meist einen anderen Wortgebrauch Männer.

Alle seine Gefühle rauslassen

Gegenüber Vorgesetzten und Kunden spricht man in einer besonderen Höflichkeitsform. Als Befreiung aus diesem manchmal engen sozialen Korsett dienen auch Subkulturen wie das Cosplay, wo sich Menschen wie Comic- oder Zeichentrickhelden verkleiden und sich eine Zeitlang auch wie diese fühlen.

Und Weihnachten hat eine ähnliche Funktion, sagt Motocknkey Nuquee. Auch deshalb, weil es als "das Fest der Liebe" gelte: "Das Wort ‚romantisch‘ ist ja ein Fremdwort. Das verrät schon, dass es kein japanisches Konzept ist. Dieses extreme Betonen der Liebe, das machen wir in Japan nicht. Wir kennen solche Gefühle natürlich. Aber wir haben den Leitspruch ‚iwanugahana‘."

Der wiederum bedeutet so viel wie: Die Schönheit liegt im Ungesagten. Gemeinsam empfundene Gefühle findet man in Japan oft dann überwältigend, wenn man sie sich einander nicht erklären muss. So macht man sich gegenseitig kaum den Hof, hält nicht Händchen, küsst sich nicht in der Öffentlichkeit. "Aber wenn Weihnachten ist, kann man all seine Gefühle rauslassen. Dann kann man romantisch sein, man hat endlich mal einen guten Vorwand dazu, sich so richtig offensichtlich und kitschig zu verhalten."

So bietet Weihnachten auch eine Chance zum Bruch mit den subtilen Regeln, die das japanische Miteinander ansonsten prägen.

Jedes Jahr im Dezember gibt Motockney Nuquee in den Klubs von Tokio auch ein paar Weihnachtsauftritte. Selbst wenn die Songs voller Kitsch seien, genieße er sie ausnahmsweise. Wie seine Gäste übrigens auch: "Wer Single ist, kann immer zu meinen Auftritten kommen, dann fühlt man sich nicht allein. Und viele der Gäste sind bei genau diesen Gigs zu Paaren geworden!"

Dabei gibt es weihnachtlichen Glanz auch ganz ohne Romantisches. Ayano Ishizuka, die derzeit Single ist, muss am 24. Dezember arbeiten. Generell sind die Weihnachtstage in Japan keine Feiertage. Auf den Feierabend jenes Tages, den man auf Deutsch Heiliger Abend nennt, freut sich die Beraterin trotzdem schon länger: "Das Fest ist ja eigentlich etwas für Paare. Aber ich will wie letztes Jahr zu einem Floristengeschäft gehen." Dort nehme sie an einem Workshop zum Weihnachtskranzflechten teil. "Währenddessen trinken wir Bier." Wenn der Kranz fertig ist, behält sie ihn bis zum Jahresende in ihrer Wohnung.

Am 31. Dezember dürfte er dann allerdings verschwinden. Der letzte Abend des Jahres gilt nämlich der Familie. Man besinnt sich aufs vergangene Jahr zurück, rutscht gemeinsam ins neue, besucht womöglich einen Schrein, um für Erfolg in der nahen Zukunft zu beten.

Und das hat in Japan zwar auch keine tiefe religiöse Bedeutung, aber lange Tradition.