Wien. Depression oder Sucht sind nicht auf eine bestimmte Jahreszeit beschränkt. Wer darunter leidet, leidet 365 Tage im Jahr. Es gibt allerdings Zeiten, in denen die Emotionen hochkochen. In denen es schwierig ist, mit der zusätzlichen Belastung einer Abhängigkeit, psychischen Störungen oder einfach Problemen umzugehen. Es sind gerade jene Zeiten im Jahr, die von Freude und Fröhlichkeit bestimmt sein sollten: Festtage wie Weihnachten, die für so manchen zur Zerreißprobe werden.

"In der Zeit der Rückbesinnung kulminieren die Probleme bereits vorbelasteter Menschen", sagt dazu Suchtexperte Michael Musalek, Psychiater und Psychotherapeut sowie ärztlicher Direktor des Anton Proksch Instituts. "Und wenn sie zusätzlich belastet sind, nehmen sie vermehrt Substanzen zu sich, die diese Belastung geringer erscheinen lassen."

Medikamentensucht nimmt zu

Die Substanz Nummer eins ist Alkohol - rund 350.000 seien hierzulande alkoholkrank, sagt Musalek, wobei diese Zahl seit den 70ern leicht ansteige, weil immer mehr Frauen dazu zählten. Aber auch die Medikamentensucht sei ein zunehmend ernst zu nehmendes Problem - darüber werde allerdings noch seltener gesprochen als über Alkoholkranke. "Wenn ich sehr vorsichtig schätze, leiden 150.000 an Medikamentensucht - wenn ich weniger vorsichtig schätze, sind es 250.000." Verlässliche Zahlen gebe es nicht, die Dunkelziffer sei hoch. Denn das Spektrum der Medikamentensucht ist vielfältig. Beruhigungsmittel, um Ängste zu behandeln, gehören genauso dazu wie Antidepressiva. Weitere Süchte sind die Kauf- und Onlinesucht. Nicht die Behandlung ist laut Musalek das eigentliche Problem - sondern, dass man eine solche beginnt.

Entlastung und Unterstützung durch Zuhören bieten Telefonnotrufe wie jener der Telefonseelsorge, einem Hilfsprojekt der katholischen und evangelischen Kirche. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter, die nach einer Ausbildung als Telefonseelsorger fungieren, hätten 2017 rund 340.000 Beratungsgespräche in 34.000 Stunden geführt, hieß es am Montag vor Journalisten. Im Advent, am Heiligen Abend, aber auch in den Wochen danach, erreichen die Anrufe einen Höhepunkt, "weil die Sehnsüchte und Erwartungen nicht erfüllt wurden".

Wie jener des älteren Mannes, dessen Frau vor kurzem gestorben ist und der die Einsamkeit zuhause nicht erträgt. Oder der jungen Frau, deren Mutter zu viel trinkt und die sich vor Weihnachten und dem obligatorischen Streit fürchtet. Und jener der älteren Frau, die aufgrund ihrer Depressionen einfach nicht aufstehen kann - obwohl Weihnachten ist.

Kostenlose Hilfe bei Einsamkeit:
Notruf Telefonseelsorge: 142
Rat auf Draht: 147

Hilfswerk: 0800 800 408