Der Löwe "Stinki" war in seinem früheren Leben Zirkusartist. Da hieß er allerdings noch nicht "Stinki". Diesen Namen verdiente sich die Raubkatze erst im Zoo von Hellbrunn, wo sie ihre reifen Jahre verbrachte: Der Löwe besprühte die ihm offenbar nicht genehmen Besucher regelmäßig - mit Urin. Während den meisten Zoogehern grauste, war ein wohlhabendes Ehepaar so beeindruckt von der Wahrhaftigkeit des stolzen Tieres, dass es den Löwen als Erben seiner Villa einsetzte.

Es sind Geschichten wir diese, die den Alltag von Elisabeth Adensamer im Augenblick füllen. Diese originellen wie wahren Tierbiografien recherchiert sie, schreibt sie nieder und spielt sie dann selbst gesprochen in eine Tonie-Box. Es ist ihre Art, mit den neun Enkelkindern in Kontakt zu bleiben, die die sonst sehr aktive Großmutter derzeit nicht treffen kann. Die Enkel im Alter von eins bis zwölf nicht sehen zu können, ist der massivste Einschnitt, den die aktuelle Situation für die pensionierte Juristin mit sich gebracht hat: "Ich habe mich sonst oft spontan in den Zug gesetzt, um sie zu besuchen oder auch meine drei Kinder zu unterstützen bei der Betreuung der Kleinen. Das geht jetzt nicht mehr."

Adensamer musste einen anderen Weg finden, um den Kontakt aufrecht zu halten: "Gerade bei den ganz Kleinen ist es wichtig, präsent zu bleiben. Für einen Einjährigen sind ein paar Wochen eine Ewigkeit." Mit den selbst gelesenen Geschichten von "Stinki" oder dem Ochsen, der aus dem Schlachthaus ausgebüchst ist, hat sie einen sehr persönlichen Weg in die nun weit entfernten Kinderzimmer gefunden. Acht Geschichten sind bereits fertig, nun soll jede Woche eine weitere dazukommen. Auch ein Buchprojekt mit den Texten ist angedacht.

"Ich geh jetzt zur Oma!"

Die ersten Tage haben gezeigt, dass die gesprochenen Geschichten besser funktionieren als etwa Videotelefonie: "Da sind vor allem die Kleineren meist abgelenkt, es ist ihnen auch zu abstrakt. Bei den Geschichten, die sie sich selbst einschalten können, ist die Konzentration höher, da können die Kinder frei wählen. Oft holen sie sich die Box mit Geschichten, wenn sie traurig sind oder Trost brauchen."

Die Reaktion der Enkel rührt Adensamer zutiefst. "Ich geh jetzt zur Oma!", hat ein Dreijähriger vor ein paar Tagen nach dem Geschichten-Hören zu seiner Mutter gesagt. Er stand bereits mit Schuhen und Jacke bei der Haustür. Auch wenn es schmerzt, ist Adensamer "absolut einverstanden" mit den aktuellen Maßnahmen.

Umgekehrte Fürsorge

Dass sie und ihr Mann in einem Haus mit Garten am Salzburger Stadtrand leben, empfindet sie "als großes Privileg". Ihre Tage verbringt sie mit Gartenarbeit, Spaziergängen im Wald oder damit, Auftragsarbeiten zu stricken: "Aktuell wünscht sich ein Siebenjähriger einen Pullover mit einem Jumbo-Jet auf dem Rücken. Gar nicht so einfach." Gäbe es die Sorge um die Kinder und Kindeskinder nicht, könnte sich Adensamer an die Entschleunigung gewöhnen.

Sie und ihr Mann, beide schon ob ihres Alters jenseits der 60 der Risikogruppe angehörend, merken jedoch, dass sich das Verhältnis zu den eigenen Kindern aktuell verändert. "Die Fürsorgefunktion hat sich beinahe umgekehrt", erzählt Adensamer: "Geht ihr eh nicht hinaus? Bleibt ihr eh brav zuhause? Tut ihr eh dies und jenes nicht? Das erinnert mich an die Sätze, die die Kinder vor vielen Jahren von uns gehört haben."

Adensamer reagiert auf diese sanfte Kontrolle schmunzelnd und wahrscheinlich genauso wie die Teenager von damals: "Alles muss ich auch meinen Kindern nicht erzählen."