Michael Zeltner sitzt zwischen bunten Plastikbügeln und 3D-Druckern, die rund um die Uhr vor sich hin rattern. Seit einem Monat arbeitet der 33-jährige Wiener an der Produktion von "Face-Shields" (Schutzschilder, Visiere) für Krankenhauspersonal in der von der Corona-Krise gebeutelten US-Metropole New York.

In einem Hackerspace im New Yorker Stadtteil Manhattan betreut Zeltner eine 3D-Drucker-Farm, die Schicht für Schicht dreidimensionale Bügel produziert, aus denen Gesichtsschilder gemacht werden. (Ein Hackerspace ist ein Raum, in dem sich Hacker sowie an Wissenschaft, Technologie oder digitaler Kunst Interessierte treffen, arbeiten und austauschen.)

Bis jetzt wurden mehr als 23.500 Gesichtsmasken und -visiere auf diese Art an den Mann und die Frau gebracht. Die Initiative "NYC Makes PPE" haben Ingenieure, Pflegepersonal und Hacker in "DIY"-Manier gestartet, um die überlasteten Krankenhäuser unkompliziert mit Schutzmasken zu versorgen. Denn davon gibt es in New York viel zu wenig - Zeltner nennt es "institutionelles Versagen" -, weshalb die Hacker-Community, der er angehört, bereits im Februar überlegt hat, wie sie helfen könnte. Herausgekommen ist eine dezentrale Produktion von Masken und Schildern in Kooperation mit Universitäten wie der New Yorker Columbia University. Finanziert wird das mithilfe einer noch laufenden Crowdfunding-Kampagne.

Die Masken und Schilder können Pfleger oder anderes Krankenpersonal direkt unter https://nycmakesppe.com bestellen. "Dieser niederschwellige Zugang war uns wichtig. Als Kind einer alleinerziehenden Krankenschwester weiß ich, wie Leute, die in der institutionellen Hierarchie eines Krankenhauses weiter unten stehen, oft benachteiligt werden", sagt Zeltner.

Von den derzeit etwa 16.000 Face-Shields wurden mehr als die Hälfte mit 3D-Druck produziert, die anderen wurden mit einem Laser-Cutter geschnitten und mit Schaumstoff zusammengeklebt.

Die Produktion ist genau durchgeplant, die Sicherheitsvorkehrungen sind hoch: Zeltner, der stets allein und mit Gesichtsmaske arbeitet, versendet die Bügel, die seine 3D-Drucker ausspucken, mit der Post, manchmal holt diese auch ein anderer Freiwilliger ab. Auch die Zustellung an jene Person, die die Gesichtsmaske bestellt hat, wird von freiwilligen Boten übernommen. Zu keinem Zeitpunkt halten sich Menschen gemeinsam in einem geschlossenen Raum auf.

"Mein Tagesrhythmus hat sich komplett verändert", sagt Zeltner, der in Berlin und New York Bildende Kunst studiert hat und an der Schnittstelle von Kunst und Technik arbeitet. Derzeit ist er bis zu 12 Stunden täglich mit der Wartung der 3D-Drucker und dem Reinigen der Masken-Einzelteile beschäftigt. Um näher an seinem Arbeitsplatz zu sein, sind er und seine Frau Anfang April von Brooklyn nach Manhattan gezogen: Nun leben sie zur Zwischenmiete in einer Wohnung an der 8th Avenue in unmittelbarer Nähe des Madison Square Gardens. Die beiden verlassen die Wohnung nur noch, um einkaufen zu gehen. Anstatt mit der U-Bahn fährt Zeltner mit dem Fahrrad durch New Yorks einsame Straßen; selbst auf der sonst so turbulenten 8th Avenue ist es ruhig und kein Verkehrslärm zu hören. "New York ist in einen tiefen Schlaf gefallen", erzählt er - zu hören sind derzeit vor allem die Sirenen.