• vom 01.05.2014, 15:21 Uhr

Wiener Festwochen


Wiener Festwochen

"Ich liebe Missverständnisse"




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Von Petra Paterno

  • Festwochen-Schauspieldirektorin Frie Leysen über unbekannte Künstler, Risiken und Bauchgefühle.

Nicht entweder/oder, sondern Vielfalt: Frie Leysen, Schauspielsirektorin der Wiener Festwochen, setzt beim Programm auf Internationalität und Interdisziplinarität. "Weite Teile zeitgenössischen Theaterschaffens werden in Wien ausgeblendet", befindet Leysen. - © apa/Herbert Neubauer

Nicht entweder/oder, sondern Vielfalt: Frie Leysen, Schauspielsirektorin der Wiener Festwochen, setzt beim Programm auf Internationalität und Interdisziplinarität. "Weite Teile zeitgenössischen Theaterschaffens werden in Wien ausgeblendet", befindet Leysen. © apa/Herbert Neubauer

"Wiener Zeitung": Sie zählen zu den einflussreichsten Kuratorinnen des internationalen Festivalbetriebs. Weshalb mögen Sie die Bezeichnung "Kuratorin" nicht?


Frie Leysen: Kuratoren entwickeln Konzepte und begeben sich dann auf die Suche nach Künstlern, die das Thema illustrieren. Ich habe Respekt vor dieser Tätigkeit, gehe aber anders vor: Einen vorgegebenen Rahmen empfände ich als belastend, außerdem verpasste man womöglich interessante Künstler und Arbeiten, weil diese nicht in das gewählte Frame passen. Da ist mir die Freiheit der Künstler wichtiger. Wir müssen Künstler dabei unterstützen, Ideen und Visionen zu verwirklichen, und nicht umgekehrt - dass nämlich Künstler meine Visionen illustrieren.

Mit dem Kunstenfestival bauten Sie 1992 das Prinzip des multikulturellen und interdisziplinären Festivals aus, leisteten Pionierarbeit. Heute droht der Festival-Overkill. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Festivalkultur?

Der Begriff Festival wird inflationär verwendet. Thematische Schwerpunkte innerhalb eines Spielplans werden gern mit dem Label "Festival" versehen - dahinter stecken häufig marketingtechnische Gründe, um Aufmerksamkeit in den Medien zu generieren, um bessere Kartenumsätze zu lukrieren. Mit dem Festivalgedanken an sich hat das nichts mehr zu tun. Ein Festival muss darüber nachdenken, wie es sich zum kulturellen Angebot einer Stadt, zu den gesellschaftspolitischen Problemen eines Landes verhält. Es kann das Vorhandene ergänzen oder sich komplementär dazu verhalten, auf Lücken hinweisen und versuchen, diese punktuell zu schließen.

Wie lautet da Ihr Befund für die Wiener Festwochen?

Da ich nur ein Jahr hier sein werde, kann meine Tätigkeit nur eine Momentaufnahme sein, die sich im Wesentlichen auf Internationalität und Interdisziplinarität stützen wird.

Was hat Sie dazu bewogen, die Festwochen vorzeitig zu verlassen?

Kein Kommentar.

Ihre Pläne für die Zeit nach dem Festival?

Das weiß ich noch nicht. Ich habe nur bis Ende Juni geplant.

Wie beurteilen Sie das kulturelle Angebot in Wien fernab der Festspiele?

Internationale Produktionen sind während der Saison in Wien die Ausnahme, nicht die Regel. Die Spielpläne der Wiener Bühnen werden von klassischen Sprechtheaterstücken dominiert, szenische Formen, die nicht ins Guckkastenprinzip passen, und Künstler, die interdisziplinär arbeiten, werden marginalisiert. Dadurch werden weite Teile zeitgenössischen Theaterschaffens einfach ausgeblendet - das trifft übrigens auf den gesamten deutschsprachigen Raum zu.

Brauchen wir eine Reform des subventionierten Stadt- und Staatstheaters?

Ich denke nicht in Kategorien von entweder/oder, ich bin für Vielfalt. Beides sollte nebeneinander bestehen, allerdings gleichwertig - und daran mangelt es. Im deutschsprachigen Raum gibt es kaum Einrichtungen wie das Théâtre de la Ville in Paris, Barbican in London, deSingel in Antwerpen oder Kaaitheater in Brüssel. Das sind Kultureinrichtungen, die auf internationaler und nationaler Ebene produzieren, koproduzieren und präsentieren. Diese Häuser sind flexibler als Repertoirebühnen, und es besteht zumindest die Chance, dass die Organisationen auf die Bedürfnisse der Künstler eingehen. Häufig ist es aber so, dass Künstler sich den Anforderungen eines Hauses unterordnen müssen.

Die Festwochen boten unter ihrem ehemaligen Intendanten Luc Bondy eine Mischung aus Glamour, Stars und Avantgarde. Ihr Schauspielprogramm wird bis auf wenige Ausnahmen von hierzulande kaum bekannten Künstlern bestritten.

Ich möchte nicht Stars programmieren, um die Quote zu heben, diese Form des Namedropping interessiert mich nicht. Es gehört zur Verantwortung eines Festivals, nicht nur etablierte Künstler einzuladen, sondern auch künftige Talente aufzuspüren.

Welche Nachwuchskünstler lassen sich bei den Festwochen 2014 entdecken?

Jede Menge - siehe den aus Singapur stammenden Filmemacher und Theaterregisseur Ho Tzu Nyen oder den Choreografen Tao Ye aus China.

Ihr Schauspielprogramm setzt auf Künstler aus dem asiatischen, arabischen und osteuropäischen Raum. Weshalb?

Der geografische Fokus war nicht beabsichtigt. Ich bin mehr an starken Künstlerpersönlichkeiten als an bestimmten Regionen interessiert. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass internationale Festivals im 21. Jahrhundert nicht zu 90 Prozent aus westlichen Gastspielen bestehen, sondern intensiv von Künstlern aus anderen Erdteilen bestritten werden sollten.

Dabei läuft man aber auch Gefahr, dass Aufführungen außerhalb ihres kulturellen Kontextes nicht verstanden werden und exotisch wirken. Wie gehen Sie mit diesem Risiko um?

Das ist tatsächlich ein Problem, über das ich häufig nachdenke. Ich versuche jede Aufführung mit zweierlei Maß zu messen: Wie wirkt die Arbeit innerhalb des eigenen kulturellen Kontextes? Und was könnte sie in Europa bedeuten? Es gibt Vorstellungen, die man nicht verpflanzen kann, ohne dass sie an Relevanz einbüßten. Zugleich finde ich es wichtig, das Publikum mit künstlerischen Erlebnissen zu konfrontieren, die es vielleicht nicht auf Anhieb versteht. Allzu lange haben wir Europäer nach dem Muster gelebt, dass wir Kulturen, die wir nicht verstehen, schlicht ignorieren.

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Dokument erstellt am 2014-05-01 15:26:04



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