1974 erfand die japanische Firma Sanrio ein Comic-Gesicht, das die Welt erobern sollte. Zwar bestand es nur aus zwei Pünktchen-Augen, zwei eckigen Ohren, einem Mascherl und einem Näschen. Der Erfolg von "Hello Kitty" sucht dennoch seinesgleichen. Die Kitsch-Katze, die heute Gläser, Pölster, Massagestäbe und Flugzeuge ziert, pickt weltweit auf rund 50.000 Franchise-Produkten.

So schlicht sind die Werke von Achim Freyer, geboren 1934 in Berlin, natürlich nicht. Die Opernregien des deutschen Malers und Bühnenkünstlers erinnern dennoch ein wenig an das Kitty-Verfahren. Welche Oper Freyer auch inszeniert: Jede sieht letztlich nach dem gleichen Puppenzirkus aus. So nun auch Beethovens "Fidelio", die zweite Musiktheaterpremiere der Festwochen. Auf drei Gerüst-Etagen im Theater an der Wien entfaltet sich die typische Freyer-Optik: Puppen, Projektionen und Menschen in klobigen Kostümen. Jeder hat seinen festen Standplatz, Interaktion findet nicht statt. Das Michelin-Manderl in der Riesenuniform, das ist Kerkermeister Rocco. Die Dame mit Textilnippeln: Tochter Marzelline. Und der Springteufel ganz oben: Don Pizarro. Der hüpft dauernd raus und rein aus einer Box, schwingt dazu diabolisch eine Art Gurkenpeitsche. Und im untersten Kellergeschoß werden einer Zombiegestalt die Gummiarme langgezogen. Es ist der schmachtende Florestan. Hoch und nieder gehen die Arme, hoch und nieder. Dazu das Dach-Teufelchen: rein und raus! Eine Automatenwelt. Sie ermüdet mit der Zeit.

Man kann ihr aber auch etwas zugutehalten. An sich hätte Dmitri Tcherniakov den Abend inszenieren sollen; der Russe geriet jedoch mehr und mehr in Verzug, so hieß es für die Festwochen Ersatz suchen. Erst Anfang April hat Freyer, der 82-Jährige, dann mit der Arbeit begonnen. Dieser Leistung ist Respekt zu zollen.

Außerdem: In gewisser Hinsicht könnte Freyers Puppenzirkus zum "Fidelio" passen. So oft Beethovens sein Schmerzenskind überarbeitet hat, gewisse Mängel sind ihm geblieben. Die Unwucht zwischen Spieloper und Heldenpathos, vor allem aber die Blutarmut seiner Figuren. Beethoven war so sehr um das Ideal der Menschlichkeit bemüht, dass er statt Menschen schließlich Ideale auf die Bühne gestellt hat. Etwas unfreundlicher gesagt: holzschnittartige Figuren. Liebende Ehefrau rettet Gerechtigkeitskämpfer vor erzbösem Schurken - könnte das nicht auch ein Puppenspiel erzählen? Nun: In einigen Minuten, vor allem während der gekürzten Dialoge, gelingen dem Abend Augenblicke von eigenwilliger, humorvoller Poesie.