• vom 15.05.2017, 16:12 Uhr

Wiener Festwochen

Update: 30.04.2018, 16:23 Uhr

Nachlese 2017

Synkretismus, Baby!




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Von Christoph Irrgeher

  • Die neue Festwochen-Ära begann mit "Ishvara": 140 Minuten öde, dröhnende Allerweltskultur.

Tod der Aufblas-Puppe! Eine Szene aus "Ishvara".

Tod der Aufblas-Puppe! Eine Szene aus "Ishvara".© Zhang Yan Tod der Aufblas-Puppe! Eine Szene aus "Ishvara".© Zhang Yan

Spätestens als Tomas Zierhofer-Kin, der neue Intendant der Wiener Festwochen, das Programm seiner ersten Ausgabe vorstellte, wurde Kritik laut. Der Ex-Leiter des avantgardistischen Donaufestivals Krems sei auf dem besten Weg, das Wiener Publikum zu verprellen, hieß es. Immerhin favorisiert Zierhofer-Kin eine intellektualisierte Popkultur, statt die beliebte Fülle an Theatergastspielen beizubehalten. Nicht nur das stoße Stammgästen sauer auf: Die Broschüren des größten, öffentlich finanzierten Festivals der Stadt Wien seien neuerdings in einem Stil verfasst, den höchstens ein Häuflein Fachleute für Phänomenologie oder Gender Studies verstünde. "Heterotopie von Hamamness", "multikuratiertes Kaleidoskop": Das klingt tatsächlich mehr nach einem hippen Zeitgeistgenossentum als dem Versuch, die Wiener da draußen zu erreichen.

Doppelt unzugänglich

Information

Performance
Ishvara
Von Tianzhuo Chen

Nach der ersten Premiere gilt es, diese Kritik zu relativieren. Die Broschüren der Festwochen strotzen tatsächlich nämlich nur so vor Klarheit - verglichen mit der Eröffnungsproduktion "Ishvara". Die war am Samstag erstmals in Europa zu Gast und ließe sich, im Festwochenjargon gesprochen, als eine Art synkretistische Disco-Phantasmagorie bezeichnen.

Heißt was? Die Performance des Chinesen Tianzhuo Chen will ein Tummelplatz der Ekstase sein und dockt dafür an religiöse Quellen an. In der Hauptsache ist dies der Hinduismus, dessen Ästhetik und Rituale immer wieder gebrochen aufblitzen. Es werden aber auch andere Weltreligionen auf der Kuddelmuddelbühne des Museumsquartiers, Halle E, vorstellig: Ein Quäntchen Christentum, repräsentiert durch ein Graffiti-Bild des enthaupteten Johannes; ein wenig Taoismus, vertreten durch ein Yin-Yang-Symbol. Im Streben nach Entrückung wird aber auch eine sehr zeitgeistige Quelle angezapft - nämlich die Disco. Die Verbindung von spirituellem Sinnesrausch und elektronischem Beat ergibt durchaus Sinn: In den besten Momenten überbrücken die Trance-Tänze auf der Bühne die Jahrtausende und scheinen gleichermaßen im Beschwörungsritual wie im Clubbing verortet.

Nur: Muss das wirklich 140 Minuten ohne Pause dauern? "Ishvara", man darf es vermuten, will auf mehr hinaus, scheitert aber an geballter Unverständlichkeit. Dabei ist es fast schon egal, dass die Performance durch zwei chinesische Monologe unterbrochen wird und es dafür weder Über- noch Untertitel gibt. Der Abend verschanzt sich hinter einem doppelten Wall der Unzugänglichkeit. Wer das Programmheft zur Hand nimmt, kann darin eine vertrackte Handlung nachlesen - ein Mysterienspiel mit allegorischen Figuren des östlichen Denkens, etwa "dem alten Gläubigen". Dieser, so heißt es im Heft, "symbolisiert Bhakti; er verehrt, liebt und wandelt sich zu Brahman."Das schreit nur so nach weiteren Erklärungen, wird auf der Bühne aber totalverrätselt: Der "Alte" fuchtelt als Stringtanga-Poseidon mit Dreizack herum, begleitet von asiatischem Saitengezirpe oder ohrenbetäubendem Bummtschak, das bisweilen mit einer Art Björkwalgesang einhergeht.

Spiderman essen, Vulva malen

Der "Alte" ist dabei nur eine Figur einer Allerweltskulturbastelei. Im Hintergrund glost ein rotes Neonkreuz mit vier heiligen Königen (?), ein zuckender Kutten-Nurmi haut daneben auf den Orgienmysterien-Putz. Im weiteren Verlauf wird ein gefesselter Spiderman (??) als Snack herangekarrt und Fleisch ins Publikum geschmissen; eine Halbnackte lässt eine Kette über dem keuchenden Kopf kreisen, ein ganz Nackter erleichtert sich, und eine Riesenaufblas-Puppe wird mit einer Vulva bemalt und zerstochen, worauf eine kleine Frau den Überresten entschlüpft und talentlos auf ein Schlagzeug eindrischt.

"Irgendwas verstehen wir hier nicht", sagt jemand im Saal. Andere versuchen es nicht mehr und gehen. Ältere, auch Jüngere räumen in Grüppchen ihre Plätze. Hut ab vor einer ergrauten Dame: Mit eiserner Disziplin und Taschentüchern in den Ohren hält sie 120 Minuten durch. Die Verbliebenen versuchen wenig später, das Ende herbeizuklatschen. Shiva, Gott der Zerstörung, half: Der letzte Vorhang stand unmittelbar bevor.

Intendant Zierhofer-Kin hat unlängst sein Unbehagen gegenüber dem traditionellen Kulturbetrieb artikuliert. Er wolle keinen schönen, teuren, aber "toten Fisch" produzieren. Selbst der kulinarischste, kitschigste Opernkarpfen hätte allerdings mehr in der Publikumsseele bewegt als dieser Schlag ins Wasser.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-05-15 16:18:07
Letzte Änderung am 2018-04-30 16:23:56



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