• vom 15.05.2018, 17:11 Uhr

Wiener Festwochen

Update: 15.05.2018, 17:24 Uhr

Theaterkritik

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Von Petra Paterno

  • Ein Kreuzzug-Epos auf Arabisch: Wael Shawky gastiert mit dem Rolandslied bei den Festwochen.

Arabische Sangestradition trifft auf Mittelalter-Epos.

Arabische Sangestradition trifft auf Mittelalter-Epos.© Janto Djassi Arabische Sangestradition trifft auf Mittelalter-Epos.© Janto Djassi

Es gibt Theaterabende, die sind theoretisch vielversprechend, erweisen sich in der Praxis aber als eher lähmende Veranstaltungen. In diese Riege ließe sich auch "The Song of Roland: The Arabic Version" einreihen. Das Gastspiel von Wael Shawky feierte nun im Rahmen der Wiener Festwochen im Theater an der Wien Premiere.

Shawky platzierte 18 Musiker aus Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten auf die sonst leer geräumte Bühne. Bekleidet mit bunten arabischen Gewändern, Umhängen und Turbanen, sitzen sie im Schneidersitz, singen und trommeln. Der meditative Singsang wird unterbrochen von Solo-Sängern, die sich mitunter in veritable Schreigesänge hineinsteigern. Es handelt sich dabei um eine jahrhundertealte Musiktradition, genannt Fidjeri. Laut Programmheft ist diese Musikform mit ihren spezifischen Männerchören, deren Ursprung in afrikanischen Gesängen liegt, im Begriff zu verschwinden.

Information

Theater
The Song of Roland: The Arabic Version
Festwochen: Theater an der Wien

Blut und Schwert

Der Coup der 60-minütigen Inszenierung liegt nun einfach darin, dass Mastermind Shawky diese traditionellen Melodien mit Auszügen aus dem mittelalterlichen Rolandslied verschränkt. Gesungen wird auf Arabisch, es gibt deutsche Übertitel. Das Versepos zelebriert in über 4000 Versen und fast 300 Strophen Aufstieg und Fall des Ritters Roland.

Im Zentrum der Heldensaga, die einiges an Verrat und Intrige zu bieten hat, stehen die Kreuzzüge Karls des Großen gegen die islamischen Sarazenen. Um 700 n. Chr. führte Karl der Große sein Heer gegen den islamischen Stamm, der damals weite Teile des Mittelmeerraums und fast ganz Spanien beherrschte. Shawky konzentrierte sich in seiner Performance auf die Belagerung der Stadt Saragossa, die historisch verbürgt ist, sowie auf jenen Hinterhalt, der Ritter Roland zum Verhängnis wird.

Der Bühnenhintergrund zeigt das Gemälde einer mittelalterlichen Stadt. Shawky hat darin alte Ansichten von Aleppo, Bagdad und Istanbul vereint. Das Ganze sieht nun wie ein buntes Wimmelbild aus.

Mit "The Song of Roland: The Arabic Version" setzt der ägyptische Künstler seine Auseinandersetzung mit den Kreuzzügen fort. In seiner Filmtrilogie "Cabaret Crusades", 2015 in New York uraufgeführt, beleuchtete der 47-Jährige die Glaubenskämpfe aus arabischer Sicht. Hingegen verhandelt das Rolandslied ausführlich die Grausamkeiten des Christenheeres, zigfach ist an diesem Abend von gespaltenen Schädeln, durchtrennten Hälsen und verstümmelten Körpern die Rede. Gebetsmühlenartig wird nach jeder blutigen Schlacht auch wiederholt: "Im Unrecht sind die Moslems, die Christen sind im Recht."

Der Islamwissenschafter Joel László spricht im Programmheft von einem heute wieder aufgeflammten "Kreuzfahrersog". Demnach besäße der Begriff für gegenwärtige Konfrontationen noch Gültigkeit. Das Rolandslied mag über tausend Jahre alt sein, die Weltordnung seither eine völlig andere, doch der Kampf um Jerusalem gewinnt erneut bittere Aktualität. Berichte über Heldentaten, Bestrafung von Schurken und Rückeroberungen von Städten sind nach wie vor ein beliebtes Narrativ. So gesehen hat sich seit dem Mittelalter gar nicht viel verändert.

"The Song of Roland: The Arabic Version" liefert fraglos Stoff zum Nachdenken, als Theatererlebnis erweist sich der einförmige Singsang aber als mau.





Schlagwörter

Theaterkritik, Rolandlied

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-15 17:15:48
Letzte Änderung am 2018-05-15 17:24:16



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