• vom 21.05.2018, 16:31 Uhr

Wiener Festwochen


Wiener Festwochen

Großes Sterben im kleinen Format




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Von Hans Haider

  • Die Theatergruppe Hotel Modern aus Rotterdam gastierte mit ihrer eindringlichen Produktion "Kamp" bei den Wiener Festwochen.

Miniaturpuppen im Dokumentartheater. - © Festwochen/Leo van Velzen

Miniaturpuppen im Dokumentartheater. © Festwochen/Leo van Velzen

Aufgestapelte Schuhe von Damen, Herren, Kindern. Hunderte Brillen auf einem Haufen. Die Öfen! Die Geleise zu den Dead-End-Prellböcken! Lochkarten zur mechanischen Bearbeitung von Personendaten! Die Kinderzeichnungen! Sehr verschiedene Eindrücke bezeichnen Besucher des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau als ihre stärksten, furchtbarsten, ihnen Tränen ins Gesicht treibenden. Und so kehren auch die Besucher nach einer Stunde Über-, Ein- und Durchblick im Maßstab von 1:20 nachgebauten "Kamp" Auschwitz aus der Festwochen-Halle G heim zu ihren eigenen Nachbildern des Grauens. Denn vergessen kann man diese Bilder nicht. Die Schläge mit der Erinnerungspeitsche sitzen.

Pauline Kalker - ihr Großvater kam im Lager um -, Arlène Hoornweg und Hermann Helle machen Szenen anschaulich, wie sie von Überlebenden berichtet, wissenschaftlich erforscht und - oft zu lasch und spät - vor Gerichten verhandelt wurden: Tötung am Galgen, Totschlag mit einem Spatenhieb, Zyklon B in Kammern, welche Massenduschen vortäuschten, Tod durch Hunger, Tod am elektrischen Lagerzaun, Tod durch Erschöpfung beim Warten auf dem Appellplatz. Tausend-, hunderttausend-, millionenfacher Mord.


Erst 13 Jahre nach der Premiere in Rotterdam wurde das Theater Modern mit seiner Produktion nun auch nach Wien eingeladen. Die Puppenführungs- und Kameratechnik, mit der die fabrikmäßige Tötung fast ausnahmslos jüdischen Lebens in Schwarzweiß-Videos auf die Leinwand projiziert wird, erlaubt Auschwitz in einem Dokumentartheater nachzuspielen; in unheimlicher Ruhe, mit einer "erzählenden" Tonkulisse.

Der Blick aufs Draußen fehlt
Dort meint man zu hören, wie in rasender Präzision Fernschreiber Befehle und Listen ausdrucken, Telegrafendrähte surren, Räder noch über Schienenstöße rollen, während auf der Bühne schon Menschlein, noch in Straßenkleidern, aus den Waggons der Miniatureisenbahn geholt werden. Gebrüllte Siegeslieder der Nationalsozialisten und ein Potpourri österreichischer Marschmusik machen fest, wer das Kamp kommandiert. Dagegen ein dünnes Saitenspiel und gequältes Blech der Lagerkapelle.

Menschenleid in apokalyptischen Größen lässt sich nicht naturalistisch detailgetreu vermitteln. Auch Hollywood scheitert daran, oft peinlich. Die Hotel-Modern-Häftlinge haben Umrisse so weich wie Fetzenpuppen und kein individuelles Gesicht unter den kahlen Häuptern wie zwischen Leben und Tod. Close-ups der Kameras wollen nicht den Einzelnen zeigen, nur Teile einer Masse Hoffnungsloser.

"Arbeit macht frei": Einzig diese Botschaft über einem Lagertor wird herausgeleuchtet aus den Barackenkolonnen und den Bauten hinter Stacheldraht. Fehlt was? Ja, ein Blick aufs Draußen, vor den Zäunen. Auschwitz-Gedenkpilger von heute wissen in etwa, was sie dort erwartet. Doch kommen viele mit dem Bild im Kopf, das Lager sei fern jeder Zivilisation tief in polnischen Wäldern versteckt. Nein. Auschwitz-Oświęcim ist eine Schnellbahnstation an einer Hauptlinie, so wie Amstetten oder Vöcklabruck an der Westbahn.

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Dokument erstellt am 2018-05-21 16:37:02



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