• vom 25.05.2018, 14:00 Uhr

Wiener Festwochen

Update: 25.05.2018, 14:35 Uhr

Wiener Festwochen

In der Sargfabrik in die Sauna




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Von Andreas Rauschal

  • Am Donnerstag startete das Hyperreality-Festival der Wiener Festwochen mit Arca.

Die Schaltkanzel als Hauptinstrument: der venezolanische Produzent Arca. - © Karolina Miernik, Emilia Milewska

Die Schaltkanzel als Hauptinstrument: der venezolanische Produzent Arca. © Karolina Miernik, Emilia Milewska

Eine gewisse Vorliebe für die Peripherie ist dem Herren Intendanten nicht abzusprechen. Tomas Zierhofer-Kin hat diese vom in Krems beheimateten Donaufestival als Festwochen-Leiter schon im Vorjahr auch in die Wienerstadt mitgebracht. Die hier als Festival im Festival installierte Schiene für Clubkultur verschreibt sich unter dem hypermodernen Namen Hyper-reality weltoffen-großstädtisch außer zeitgenössischer (Experimental-)Elektronik nicht zuletzt auch einem konzeptionellen Überbau, der den Club als Möglichkeitsraum wider Normen unter Schlagwörtern wie "fluide Identitäten" mit Gender- und Queer-Hintergrund reflektiert - und neu denkt.

Dafür allerdings muss man heuer - nach der ersten Saison am mediterranen Areal des Schloss Neugebäude in Simmering - hinaus nach Liesing gondeln. Das geht auch ohne den angebotenen Shuttlebus mit den Wiener Linien soweit aber eh bequem, wenn nicht gerade dem Busfahrer angesichts der heute scheinbar ausschließlich aus Freaks bestehenden Kundschaft kurz vor Dienstschluss die Kabel durchbrennen. Heast!

Dampfen und köcheln

Information

Wiener Festwochen
Hyperreality
Noch bis 26. Mai
www.festwochen.at

Zum Start des dreitägigen Festivals jedenfalls fand man sich am Donnerstag am Gelände der ehemaligen Sargfabrik Atzgersdorf ein, dessen abgerockter Charme gut zum Hyperreality-Festival passt. Leider ist die Akustik in der bespielten Haupthalle eher durchschnittlich und die Raumtemperatur, positiv betrachtet, zwar ein Vorgeschmack auf verschwitzte Partynächte, in denen die Leiber sexy dampfen und köcheln. Gerade angesichts der Örtlichkeit ist aber auch der Gedanke an ein Krematorium naheliegend, wenn man sich nicht gleich in der Vorhölle wähnt - oder bei einem Aufguss mit dem Teufel als Saunawart.

Die Pilgerfahrt angetreten wurde zum Auftakt übrigens vor allem wegen eines Namens. Eingebettet in eher durchwachsene Auftritte der gerne ins Esoterische abdriftenden Schweizer-nepalesischen Künstlerin Aïsha Devi zwischen Laptopperformance und Fruchtbarkeitstanz oder der in Wien lebenden iranischen Musikerin Fauna samt Polizeisirenen und Madonna-Cover, stand im Mittelpunkt das Konzert des venezolanischen Produzenten Alejandro Ghersi alias Arca.

Der hat auf zwei Alben auf dem britischen Mute-Label restkathedralische und bald zerhäckselte Klangskulpturen mit Sogwirkung gereicht, ehe frühe Produzentenjobs in einer Rolle als Kollaborationspartner von Björk auf, wie man heute sagt, künstlerischer Augenhöhe aufgingen - und der isländische Pop-Export Numero uno Arca dazu überreden konnte, in seinem Solowerk auch auf seine Stimme zu setzen. Das aktuelle Arca-Album "Arca" also beinhaltet entrückte Schmerzensgesänge vor dem Hintergrund eines geschlechtsfluiden Exorzismus über schwule Begehrlichkeit. Live setzt der 28-Jährige aktuell aber kaum auf eine als Wiedergabe zu verstehende Darbietung daraus und eher auf ein Hybridkonzert zwischen Performance und Set.

Eine Freistil-Übung

Gleich anfangs stöckelte und stelzte der Mann für einen gelernten Instrumentalkomponisten erstaunlich selbstbewusst als Spargeltarzan auf dünnen Beinen einmal quer durch die Halle. Neben einem Keifen und Keppeln als (improvisierte?) Vokaleinlage und der Schaltkanzel als Hauptinstrument einer über Folklorebeats aus der Heimat auch in Richtung Techno, Rave und dem Eurodance-Synthesizer aus "No Limit" geturnten Freistil-Übung hier immer wichtig: Die Visuals, die bei Arca in enger Partnerschaft mit dem Videokünstler Jesse Kanda entstehen und bereits auch als Arbeit im PS1 des MoMa in New York zu erleben waren. Im Rahmen des Hyperreality-Festivals etwa als Schauwert zu bestaunen: Die Ausgrabung und rituelle Waschung antiker Fundstücke sowie deren Begutachtung via Ultraschall und CT, oder die Verbrennung einer Barockstatue, erstaunlicherweise aber nicht die gerne auch explizit (homo-)sexuellen Verhandlungen der Musikvideos.

Statt eines Covers (wie bei Fauna) gab es dafür ein prominent in das gewinnende Set platziertes Madonna-Sample. Angst geht um: Wird die Trendstaubsaugerin mit einem Abwerbungsangebot bei Björk shoppen gehen, Arca absorbieren und demnächst klingen wie ein Donaufestivalkonzert um drei Uhr Früh? Wir bleiben dran.





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Dokument erstellt am 2018-05-25 14:01:00
Letzte Änderung am 2018-05-25 14:35:16



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