• vom 31.05.2018, 16:38 Uhr

Wiener Festwochen


Fußballfan-Doku

Rotes Blut, goldenes Herz




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Von Hans Haider

  • Mohamed El Khatibs Fußballfan-Doku "Stadium" bei den Wiener Festwochen.

Tribünenstimmung. - © Nurith Wagner-Strauss

Tribünenstimmung. © Nurith Wagner-Strauss

Flutlicht, ein Stück Tribüne und 50 brüllende Selberspieler in Rot und Gelb, den Farben des RC Lens. Die "Friterie Momo" auf der Bühne wartet originalgetreu auf Pausenverzehr.

Mit dieser Semidoku "Stadium" rekrutierte Mohamed El Khatib beim jüngsten Festival von Avignon auch Fußballferne als Fans des französischen Zweitlegisten. Für sein Festwochen-Gastspiel ergänzte er die Truppe mit Schlachtbegleitern von Rapid Wien. Die Hölle wäre los, stünde es kurz vor Abpfiff unentschieden in einem Match Lens gegen Rapid. Im Theater an der Wien kreisen die Bierflaschen und küssen sich sogar ihre Maskottchen. Den Gästen aus dem vor 30 Jahren aufgegebenen Kohlerevier an der Grenze zu Belgien, vom Baby bis zum Großpapa, fliegen die Herzen zu. Nur Austrianer im Publikum magerlt das Transparent "Stoppt die Atomtests im Pazifik. Macht sie am Verteilerkreis Favoriten". In der Fan-Szene schickt man den Gegnern und den Obrigkeiten Botschaften schwarz auf weiß.


Mohamed El Khatib, 38, dirigiert als Moderator das Spiel. Als Schiedsrichter wäre er befangen. Seine Sympathie gilt dem als "Kumpel"-Mannschaft schlechtgeredeten Meisterschaftsgewinner von 1998 und seinen treuen Krakeelern. Er stellt die Stadionpilger in "Blut und Gold" (Sang et Or) vor als Opfer der europaweiten Bergbaukrise und einer Politik, die auf die Provinz vergisst. Im lokalen Anhang der Kommunistischen Partei und ihrer Gewerkschaft CGT wildert schon der Front Nationale.

El Khatib ergründete vorab in Video-Interviews die Stimmungslage. Dabei fiel ihm auf, dass von 17.000 jungen Männern in Lens 4.600 Kevin heißen. Ein hoher Anteil wie auch andernorts, wo Arbeitslosigkeit mit Identitätsverlust einhergeht und konsumistischer Flachsinn das Vakuum füllt.

Die 85-jährige Altmutter aller Lens-Fans wurde per Skype zugeschaltet. Sie hat zehn Kinder und 32 Enkel - von denen einige zur Live-Befragung nach Wien kamen. Ein Mann, nicht mehr jung, schwenkt eine gut zwanzig Quadratmeter große Fahne - Patchwork aus textiler Lens-Fanware, von seiner Mutter zusammengenäht. Ihr zur Ehre und der Mannschaft zum Ruhme wird sie entrollt. Im Theater zu erhabenen Vivaldi-Klängen.

Hetz- und Festmassen
Elias Canetti unterschied in "Masse und Macht" zwischen todesbereiten Hetzmassen und lebensfrohen Festmassen. Fans in ihren Blocks in den Stadien wechseln ihren Aggregatzustand jäh mit dem Spielstand. El Khatib will den treuen Mannschaftsbegleitern den Verruf als "Hooligans" nehmen. "Gewaltbereit nicht mehr als die Polizei", behauptet eine Buchstabenfahne. Rapid bekommt politisches Fett ab. Weil die Wiener 1941 die großdeutsche Meisterschaft gewonnen haben, werden sie "Kollaborateure" geheißen. Und merke Rapid: "Tradition schießt keine Tore"!

Die rotgelben "Ultras" reisen nun von Festival zu Festival mit ihrem Einpeitscher, Trompeter, Trommlern, Cheerleaders und zwei Fan-Hymnen: einer Adaption der Marseillaise und Pierre Bachelets Lied "Les Corons" über Elend und Freuden von Mineuren. Auch Rapid singt aus vollen Kehlen - nach der Melodie des Andreas-Hofer-Lieds "Zu Mantua in Banden". Das Spektakel, so lange wie ein Fußballmatch, endet im fröhlichen Kehraus in Tribünenstimmung auf dem Gehsteig.

Theater

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Dokument erstellt am 2018-05-31 16:46:11



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