Schmucklos ist die Halle 4 in den Gösserhallen. Es gibt vier Videoleinwände und eine Bar. Auf einer der Vidiwalls wippt ein nervöser Fuß im Flipflop. Er gehört Igor. Er erzählt von seiner Zeit im brasilianischen Hochsicherheitsgefängnis Bangu. Dort war er sieben Monate als politischer Häftling eingesperrt. "Es heißt, alle Brasilianer sind korrupt", sagt er einmal. "Aber die korrupten Brasilianer sind eine Minderheit. Die ist an der Macht."Auf der zweiten Vidiwall sieht man ein Bücherregal, in dem ein Roman von Ian McEwan neben Arabisch-Deutsch-Wörterbüchern steht. Im Hintergrund erzählt Aboud, warum er aus Syrien geflohen ist. Er berichtet von den Folterfotos seines im Gefängnis gestorbenen Freundes, die er veröffentlicht hat, er berichtet von 13 Tagen Schlägen im Gefängnis. Die beiden anderen Videos spielen in Brasilien - eines zeigt das Porträt einer Frau in der größten Favela Rios, eines lässt einen Mann aus der Demokratischen Republik Kongo zu Wort kommen, der nach Brasilien geflohen ist, weil seine regierungskritische Familie getötet worden war.

Besucher werden Teilnehmer

In der ersten Hälfte von "The Walking Forest" der brasilianischen Theatermacherin Christiane Jatahy kann man sich zwischen diesen Schicksalen treiben lassen. Multitasker werden aber merken, dass währenddessen eine geheimnisvolle Nebenhandlung vor sich geht. Einigen Besuchern wurde vor Beginn der Vorstellung ein Sender übergeben und sie wurden so zu aktiven Teilnehmern dieser Performance. Immer wieder wird die Bar von ihnen besucht, um dort Merkwürdiges zu veranstalten - sei es ein Mann, der die Hände in eine mit Theaterblut besudelte Tasche steckt, oder eine Frau, die ihre blutigen Hände in einem Aquarium wäscht.

Erst als sich die Vidiwalls unter pulsierendem Soundgrollen und den Bildern von Ratten mit Flügeln und Skeletten zu einer Panoramawand neu arrangieren, stellt sich heraus, was es mit diesen Aktivitäten auf sich hat. Auf dieser Breitwand nimmt "The Walking Forest" nämlich jene "Macbeth"-Fährte auf, die mit den Videos über die Folgen von blutigem Machtmissbrauch erst angedeutet war. Das Blut an den Händen kann dem meuchelnden Ehepaar Macbeth zugeschrieben werden. Und die Frau, die zuvor kurz in Ohnmacht gefallen ist und die Zivilcourage der perplexen Umstehenden erforderte, die gerade noch betroffen einer zwar schlimmeren, aber sehr viel ferneren Tragödie gelauscht haben, entpuppt sich als Schauspielerin (Julia Bernat). Grölend rutscht sie über die nasse Bar, um dann eindrückliche Zahlen zu Krieg, Flucht und moderner Sklaverei zu rezitieren.

In einer letzten Klimax erzählt sie, wie nur ein Wald - laut Hexenprophezeiung endet Macbeths Macht, wenn der Birnams-Wald zum Dunsinan emporsteigt - Macbeth stoppen kann. Hinter jedem Ast ist ein Mensch, heißt es - und so weicht das Geäst auf der Leinwand einer Projektion der Festwochenbesucher, die sich selbst erkennen. Wir alle sind der Wald, der pervertierte Machtverhältnisse aufhalten könnte.

Die abstrahierte Poesie dieser Theaterarbeit hinterlässt Eindruck und die mäandernde Symbolik Interpretationsfülle. Das lässt manche Banalität vergessen. Und das Stück wirkt nach, sogar auf einer Metametaebene: Das Theaterblut klebt hartnäckig an den Händen. Möge es nicht denselben Effekt wie bei Lady Macbeth haben.