• vom 06.06.2018, 11:04 Uhr

Wiener Festwochen

Update: 06.06.2018, 17:05 Uhr

Wiener Festwochen

Die sprachlose Wunde




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Von Judith Belfkih

  • Christoph Marthalers "Tiefer Schweb" als bissiger Kommentar zur Flüchtlingskrise.

Was ist das Wesen des Ausschussmenschen?, lässt Marthaler seine Figuren rätseln. - © Festwochen/Thomas Aurin

Was ist das Wesen des Ausschussmenschen?, lässt Marthaler seine Figuren rätseln. © Festwochen/Thomas Aurin

243 Meter unter der Wasseroberfläche, an der tiefsten Stelle des Bodensees, findet die Klubklausur 55b statt. In einer mit Holz vertäfelten Druckkammer mit heimeligem Kachelofen tagt der Sicherheitsrat der vereinigten Bodenseeverwaltung. Eine Lösung muss her. Für die gut 900 Personen aus Nicht-EU-Staaten, die auf neun früheren Ausflugsdampfern auf der "exterritorialen Oberfläche des Sees" untergebracht sind und auf Asyl in einem der drei angrenzenden Länder warten. Kontakt mit der Bevölkerung soll vermieden werden. Mehr noch: Um deren Lebensqualität zu wahren, wurde das schwimmende Dorf mit einer Tarnvorrichtung umgeben.

Der Schweizer Regisseur Christoph Marthaler verhandelt in diesem Szenario gekonnt wie gewitzt das hilflose Umgehen der europäischen Staaten mit der Flüchtlingskrise. Sein "Tiefer Schweb", so der Name der tiefsten Stelle im Bodensee, wurde 2017 in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt und gastiert nun bei den Festwochen im Theater an der Wien. Der hier seit Montag zu sehende und ausgiebig bejubelte Musiktheaterabend trägt klar Marthalers Handschrift. Eigene Texte sowie solche von Derrida, Kafka oder Schikaneder treffen auf Musiken von Bach, Mozart oder Simon & Garfunkel. Dazwischen stimmt das achtköpfige Ensemble Volksweisen und Kirchengesänge aus der Region an und greift in die Hammond-Orgel.

Information

Musiktheater
Tiefer Schweb
Christoph Marthaler (Regie)
Theater an der Wien
Wiener Festwochen

Es ist das Zuspitzen zweier Pole, aus dem der Abend seine Kraft gewinnt. Die bürokratische Sprache, mit der von "menschlicher Mobilität und Temporärheimaten" gesprochen wird, auf der einen Seite. Eine Sprache, die größtmögliche Distanz schaffen soll zu den Geflüchteten. Die verbale Erkenntnis, dass es sich um Menschen handelt, die in der schwimmenden Dorfgemeinschaft untergebracht sind, darf gar nicht erst aufkeimen. Es sollen "Strukturkonzepte für fluide Lebenskonzepte" gefunden werden. Auf der anderen Seite steht die zutiefst menschelnde Menschlichkeit der Figuren. Wenn sie über Jugendträume reden, am Pissoir ihr Scheitern bekunden, indem sie hilflos "über das Wesen des Ausschussmenschen" philosophieren, oder inbrünstig "Oh, du mein Heimatland", "The Sound of Silence" und "Ein feste Burg ist unser Gott" anstimmen.

Christlicher Werteverrat

Prallen die platten Worthüllen von "Handlungsbedarf", "unumgänglich" und "Zielsetzung" auf ein einsam angestimmtes Bach’sches "Blute nur, du liebes Herz", so wird dieser Kontrast zur klaffenden Wunde einer Gesellschaft, die sich christliche Werte auf die Fahnen schreibt, ja sie händeringend zu definieren und zu verteidigen sucht - und dabei übersieht, dass sie diese Werte genau dadurch ständig verrät. Und das aus blanker Hilflosigkeit, die sich als wortgewaltiger Expertise zu überhaupt allem tarnt. Stimmen die Figuren dann Mozarts "Requiem" an und schwenken dazu andächtig Wasser in bauchigen Weinkelchen, so klingt das wie der Abgesang einer Gesellschaft auf sich selbst.

Der Ausschuss scheitert, noch bevor er seine Arbeit aufgenommen hat. Der Druck der Lösungsfindung erweist sich als zu groß, um das zu erörternde Thema überhaupt anzusprechen. Die Mitglieder flüchten in absurde Debatten oder trällern Lieder. Auch bedrohliche Druckschwankungen können sie nicht davon abhalten. Warum verfügen die neun Dampfer über moderne Sanitäranlagen, während es in der Druckkammer nicht einmal eine Damentoilette gibt? Was ist das Wesen des Ausschussmenschen an sich? Ist die Ungeduld die Ursünde? Dazwischen mischen sich detaillierte Anweisungen zum "Händewaschen für Mitarbeiter" und wird ein frisch eingebürgertes Mitglied in den Bereichen Weißwurstrezept und Schuhplatteln getestet. Nur nicht am eigentlichen Thema kommen müssen.

Die hervorragend gespielten Funktionäre sind als Figuren nicht ganz so verhuscht wie sonst oft bei Marthaler. Ihre Verlorenheit, ja ihre Hilflosigkeit tarnt sich in dieser skurrilen wie hintergründigen "Verwaltungsrevue" mit sinnentleerter Geschäftigkeit. Schließlich ist das die Druckkammer umgebende Wasser des Bodensees derart mit resistenten Bakterien verseucht, dass ein Auftauchen nicht mehr möglich ist. Auch das Problem mit der schwimmenden Dorfgemeinschaft dürfte sich damit von selbst gelöst haben.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-06 11:27:14
Letzte Änderung am 2018-06-06 17:05:51



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