Stille. Sieben Minuten lang passiert einmal gar nichts. Acht Frauen sitzen in blütenweißen Gewändern, die Kleider ähnlich geschnitten, doch nicht völlig gleich; im Zentrum prangt eine Frau, die aussieht, als wäre sie aus enormer Höhe herabgestürzt: Regungslos und verdreht liegt sie auf dem Boden.

Tatsächlich hat hier eine Katastrophe stattgefunden, und sie ist immer noch im Gang. Die Frauen sind Hinterbliebene der gefallenen Stadt Troja, und man darf sie noch mehr betrauern als die toten Landsleute - denn diesen Gefangenen blühen weiterhin neue Leiden. Ein Grieche, Sprachrohr der Siegermacht, sucht das Frauenlager immer wieder auf. Die Kriegswitwen sind zur Verschleppung freigegeben, verkündet er, sollen Dienstmägde und Bettfutter werden im Haus des Feindes. Das Dekret in Kurzform: "Eure Körper gehören euch nicht mehr!"

Helena - ein Transvestit

Zu hören war dieser Schreckensimperativ bei den Wiener Festwochen - an einem Abend, der aus vielen Quellen schöpft. Zum einen nützt er die "Troerinnen", vor mehr als 2000 Jahre von Euripides niedergeschrieben; er dockt andererseits auch bei Jean-Paul Sartre an, dessen Neubearbeitung von 1965 die Griechen als Sinnbild für die Kolonialmacht Europa vorführt. Und: Es ist da noch ein dritter, auf den ersten Blick abwegiger Einfluss im Spiel - nämlich das koreanische Musiktheater. "Trojan Women", ursprünglich von Ong Keng Sen in Korea inszeniert und seit geraumer Zeit auf Welttournee, erlaubt dem Publikum einen Erstkontakt mit "Pansori" - einer 300 Jahre alten Kunstform, die von einem epischen Sänger in Begleitung einer Fasstrommel dargeboten wird. Der Abend greift aber auch auf eine Tradition zurück, die sich dem Westler wesentlich leichter erschließt, nämlich "Changgeuk": Das ist der Name der traditionellen koreanischen Oper. Sie ist erst vor rund 100 Jahren entstanden und vermischt die "Pansori"-Töne mit den Usancen der westlichen Theaterbühnen.

Es liegt wohl auch an dieser Fusion, dass sich die "Trojan Women" im Theater an der Wien auch ohne das Wissen eines Musikethnologen erschließen. Zwar birgt der Abend im kargen Bühnenbild auch Schauwerte, die man im fernöstlichen Raum vermutet: fließende Armbewegungen, skulpturale Gesten. Ong Keng Sen, Theatermann aus Singapur, ordnet die Frauen aber auch immer wieder zu Tableaux vivants nach europäischem Gusto an. Und er setzt in entscheidenden Augenblicken auf ein fast naturalistisches Schauspiel - etwa wenn der Säugling Astyanax ermordet werden soll und Mutter Andromache dieses letzte Bündel trojanischen Fleisches so eisern wie vergeblich umklammert. Gewiss: Man kann diesem Abend den Vorwurf einer Allerweltskunst machen, eines Bühnen-Esperanto, das vor allem allerorts verstanden werden will, sich darum nicht mit komplexen Codes aufhält. Und leider, mitunter gleiten die 110 Minuten auch in ein plumpes Vokabular ab: etwa durch Bühnenprojektionen, die aussehen wie Hotelzimmer-Kitschkunst. Oder in Form eines jähen Stilbruchs: Helena, hier ein Transvestit der Antike, singt eine Musicalschmalzballade. Gebt uns den Korea-Sound zurück!

Trommler verringern Pathos

Der geht deutlich leichter ins Europäer-Ohr als die Musik der Peking-Oper, geizt dabei aber nicht mit Donnertrommeln. Mit doppeltem Gewinn: Die wuchtigen Schläge, kombiniert mit einem Sprechgesang, der mitunter mehr gespien als geschrien scheint, lassen nicht nur die Füße mitwippen. Sie verringern auch den Raum für ein süßliches Opferpathos: Gelitten wird hier im vokalen und emotionalen Extrem. Allen voran begeistert Kim Kum-mi als entthronte Königin Hekuba, die Rotz und Wasser heult, ebenso packend Yi So-yeon als Kassandra und die knackigen Einsätze des Chor-Kollektivs: ein starker Abschluss für einen durchwachsenen Festwochen-Jahrgang.