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Wien. Der Wiener Karl-Marx-Hof ist für Stadtplaner Peter Marcuse, Sohn des bekannten Politologen Herbert Marcuse, ein vorbildlicher Wohnbau, der "auch für die Vereinigten Staaten nützlich sein könnte". Anlässlich des Raumplanungs-Symposiums "The Evolution of Planning Thougt" kam er Ende Mai nach Wien.

"Wiener Zeitung": Herr Professor, seit wann interessieren Sie sich für Städtebau?

Peter Marcuse: Ich fand immer die Wohnungsfrage interessant; ich habe mich seit Beginn meines Studiums für Politik, besonders für kommunale Politik interessiert – und innerhalb der kommunalen Politik für die Wohnungsfrage. Meine erste bezahlte Arbeit nach Abschluss des Jura-Studiums war eine Studie, wie man ein Gesetz schreiben würde, das die soziale Segregation von Minderheiten ausschließt.


Wie kam es zu Ihrer Entscheidung, sich den Rechtswissenschaften zuzuwenden?

Ich hatte nach dem Bachelor-Abschluss 1948 den Sommer in Europa verbracht – ein Geschenk anlässlich des Erfolgs auf der Uni. Ich hatte noch keine Ahnung, was ich weiter machen sollte. Allerdings war ich an der Uni bereits politisch aktiv; da war gerade die Kampagne von Henry Wallace. Er war linker Kandidat einer dritten Partei. Er hatte nicht die Aussicht zu gewinnen, aber er konnte Themen und Programme auf die Tagesordnung bringen.

Ich las nun während des Europa-Aufenthalts immer in den Zeitungen: "Die Kämpfe in den Vereinigten Staaten". Da habe ich mich nach einem Monat, den ich hauptsächlich in Frankreich verbrachte, entschieden: "Ich gehöre in die Vereinigten Staaten und muss an diesen Kämpfen mitwirken."

Es war die Frage, wie würde man am besten teilnehmen können an der Politik, welche Ausbildung würde da am günstigsten sein? Es war ganz klar, die meisten Mitglieder in den Parlamenten hatten eine Jura-Ausbildung. Deshalb habe ich mich für Jura entschieden – aber als ein Weg in die Politik. Es war jedoch für eine sofortige Rückkehr zu spät, so blieb ich noch für ein Jahr in Europa, um einen Abschluss in Politikwissenschaften zu machen.

Sie haben, nachdem Sie Ihr Studium 1952 abgeschlossen hatten, aber nicht sofort den Weg in die Politik genommen, sondern wurden sehr bald, ab 1953, als Rechtsanwalt tätig?

Ja, sehr bald, aber nicht in New York. Wenn man eine gute Arbeit in New York sucht, dann müsste das in einem großen Anwaltsbüro sein, wo man eine ganz kleine Rolle spielt, wo man große Firmen betreut. Das interessierte mich nicht.

Was mich interessierte, war eine Praxis, irgendwo, mit der ich den wichtigen politischen Kämpfen nahe war. Es gab zu dieser Zeit für mich zwei wichtige Fragen; eine war die der Arbeitsverhältnisse, die andere war die der Bürgerrechte.

Ich habe eine Arbeit gefunden mit einer Frau, die als Vertreterin der Gewerkschaften tätig war. Mit ihr gemeinsam habe ich die Gewerkschaften als Kunden genommen.

Ich war auch für die Kommunalpolitik tätig. Die erste Arbeit war, für eine Repräsentantin des Landes-Parlaments ein Gesetz vorzubereiten, das die Segregation nach Rasse verbieten sollte. Es war eine Rechtsanwalt-Tätigkeit, aber mit Nutzen für die Politik. Die Arbeit mit dem Recht war mehr politisch als für Geschäftsleute.

Nach ein paar Jahren, wir waren schon sehr bekannt, habe ich für das Stadtparlament meiner Stadt, Waterbury, kandidiert und wurde auch gewählt; ich war dann für sechs Jahre tätig.

Es ging Ihnen also besonders um die rechtlichen Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens?

Ja, als Zweck; aber auch weil man in der politischen Kultur der Vereinigten Staaten annimmt, dass Rechtsfragen Kernfragen sind und eine Jura-Ausbildung einen Status verleiht, der auch politisch nützlich ist.

Sie haben dann etwa zehn Jahre später ein weiteres Studium, das Sie mit der Master-Arbeit "Benign Quotas in Housing" (etwa: "Sanfte Vorgaben für den Wohnungsbau") an der Columbia University, New York, abschlossen (1963); dem folgte ein weiteres Master-Studium an der Yale School of Architecture (Abschluss 1968). Sie schlossen Ihr Doktoratsstudium mit der Dissertation "Home Ownership for Low Income Families – Legal and Financial Implications" im Jahre 1972 an der University of California in Berkely, ab. Was hat Sie zu diesen zusätzlichen Studien veranlasst? Was hat Sie zu einem so breiten Ausbildungsspektrum angeregt?

Die Entwicklungen des Sozialen. Die Fragen der Bürgerrechte für Minderheiten waren zwar bei weitem nicht gelöst, aber es war viel einfacher geworden, es war nicht mehr so schwierig.

Ich schaute auch auf andere brennende Punkte jener Zeit. Es waren nun weniger die Bürgerrechte (der Kampf war zum Teil gewonnen), sondern es waren nun Fragen der Arbeitswelt. In den späten 1960er-Jahren war die Situation so, dass die Industrie jene Staaten, in denen die Gewerkschaften stark waren, verließ und in den Süden der Vereinigten Staaten, wo die Gewerkschaften viel schwächer waren, zog.

Diese Kämpfe waren in Waterbury, wo wir waren, weniger bedeutend. Es wurde in den zwei Bereichen, die mich am meisten interessierten, die Menge der Aufgaben kleiner.

Ich war weiter interessiert an der Wohnungsfrage und an Wohnungspolitik. Ich dachte, wenn man mehr darüber weiß, würde das hilfreich sein. Das war vielleicht eine Fehleinschätzung. Aber ich wollte es einfach wissen: Was bestimmt die Leute, wie und wo sie wohnen, wieviel sie zahlen, in welcher Gemeinschaft sie es tun; und dass man da dann auch etwas Unterstützung durch die Forschung hat.

Ihre Doktorarbeit – Thema "Home Ownership" (Wohnungseigentum) – lässt mich zu einer nach wie vor aktuellen Frage kommen: In den USA, in Deutschland, in Österreich wurden in den letzten Jahren immer wieder Wohnungen, die sich in öffentlichem Besitz (also Stadt, Land oder Staat) befanden, privatisiert, das heißt, an die Mieter oder auch an kommerzielle Kapital-Gesellschaften verkauft. Das ist ein Trend, der je nach "politischer Großwetterlage" einmal stärker, einmal schwächer ist. Was halten Sie davon?

Das führt zu Problemen. Deswegen bin ich zu dieser Frage von Home Ownership, Eigentumsverhältnisse im Wohnungsbau, gekommen. Wenn man die Probleme, die Menschen haben, untersucht – bezahlbare Wohnungen zu finden – wird es ganz klar: Das, was zahlbar ist, wird einerseits vom Einkommen der Menschen bestimmt, auf der anderen Seite von den Kosten der Wohnungen.

In der Privatwirtschaft sind die Kosten bestimmt von Nachfrage und Angebot; die Zahl der Wohnungen ist begrenzt; die Auswahlmöglichkeiten hängen auch mit dem Bedarf nach Essen und Kleidung zusammen. Und es ist ein Monopolmarkt.

Das kann man nur beeinflussen, wenn man die Bestimmungen, was Land kostet, wer den Nutzen hat, öffentlich definiert – und nicht über den Markt. Das heißt, man braucht den sozialen Wohnungsbau.

Es scheint die Frage, ob Mietverhältnis oder Eigentumsverhältnis, wichtig; auch wenn es teuer ist, man lange warten muss und einen weiteren Weg zur Arbeit hat, scheint es eine wichtige Sache zu sein, Eigentum zu haben.

Das wollte ich mit dieser Arbeit untersuchen – und um zu sehen, was wirklich die Vorteile von Eigentum sind. Und das Ergebnis war, dass man alles mit guten Mietsverhältnissen schaffen könnte; besonders im sozialen Wohnungsbau, ohne Eigentum zu haben.

Der einzige Unterschied zwischen Eigentum und gutem sozialen Wohnungsbau ist: Mit Eigentum kann man auch Gewinn machen – oder man stellt sich vor, mit steigenden Wohnungspreisen Gewinn zu machen. Und wenn das wegfällt, gibt es keinen Grund, Eigentum eine Priorität zu geben.