- © G. Wilke / TU Wien
© G. Wilke / TU Wien

Dieses in den USA entstandene Problem hat über die internationalen Finanzmärkt auch Europa erreicht. Sie haben ja auch viele Erfahrungen in Europa gesammelt, vor allem im Rahmen ihrer zahlreichen Gast-Professuren. Es ist interessant, dass Sie 1989, genau zur Zeit der "Wende", dem Zerfall der DDR, als Gast-Professor in Weimar, dann in Berlin waren. Wie haben Sie denn das Leben und die Wende in Deutschland in Erinnerung?

Wir hatten einige Jahre vorher ein Jahr in Frankfurt am Main gewohnt und an der J.-W.-Goethe-Universität gelehrt. Wir hatten viel über die DDR und das Leben dort gehört. Wir wollten es sehen und selbst erleben. Wir hatten von einer Forschungsinstitution der Vereinigten Staaten ein Stipendium bekommen. Zuerst für eine Gast-Professur in Weimar, dann in Berlin.

Wir wohnten in ganz normalen Sozialwohnungen in der DDR; Wohnungen im öffentlichen Eigentum – im "Plattenbau". Beschränkte Größe, die Einrichtung war nicht tipptopp, kein Telefon, nur das öffentliche Telefon auf der Straße draußen.

Das hat manche Vorteile und viele Nachteile. Vorteile waren: Die größte Frage am Wohnungsmarkt in den Vereinigten Staaten ist die Unsicherheit. Man hat immer Angst, wenn man die Arbeit verliert oder krank wird, wenn irgendetwas Unerwartetes passiert, dass man die Wohnung verlieren kann, dass man das Recht und die Möglichkeit in einer anständigen Wohnung zu leben, verliert.

Das war in der DDR nicht der Fall. Außerdem sah man nicht dauernd, dass es andere Leute besser haben, dass die Verteilung von Wohnungen und die Qualität von Wohnvierteln sehr unterschiedlich ist. So hat etwa eine Seite von New York sehr schöne Wohnungen, während in geringer Entfernung dazu Leute auf der Straße wohnen.

Diese Unterschiede hat man in der DDR nicht gesehen. Wir wohnten in Berlin, ich nehme an, mit den Vorteilen eines Professors, in einem Gebäude neben einem Polizisten; die anderen Nachbarn waren Leute mit ganz unterschiedlichen Arbeitsverhältnissen; höheres oder geringeres Einkommen war nicht das Problem – wir konnten die Miete alle gut ertragen. Wir waren nicht mit einem Vermieter konfrontiert, der ständig steigende Mieten haben wollte.

Es gab aber auch Nachteile. Die Qualität der Wohnungen war nicht angemessen und nicht mit dem vergleichbar, was wir im Westen in Frankfurt gesehen haben. Die Wohnungen waren kleiner, es waren "Plattenbauten", kein ästhetisch wünschenswerter Anblick, die Sanitäreinrichtungen waren schlecht, kein Telefon.

Die Leute hatten auch keine Wahl, wo sie wohnen wollten. Die Verteilung wurde vom Staat rechtlich geregelt; man hatte keinen Einfluss auf die Nachbarschaft. Es war ein ganz interessanter Vergleich zwischen Ost und West. Man hat noch etwas zu lernen von den Verhältnissen der DDR, die man noch nicht genau untersucht hat; ich meine, man sollte da noch etwas weiterforschen.

Zum Beispiel die Idee, die jetzt langsam auch in den Vereinigten Staaten sehr prominent wird: Der Wohnungsbau sollte da geschehen, wo es für die Umwelt am besten ist, wo die Ökologie am wenigsten gestört wird. In der DDR hatte diese Idee nicht mit der Umwelt, aber mit den Arbeitswegen zu tun. Das heißt, dass man in der Nähe des Arbeitsplatzes wohnt. Das hat Nachteile und Vorteile: Ein Nachteil ist, dass die Auswahl an Wohnorten begrenzt ist; der Vorteil, dass die lokale Nähe sehr gut sein kann.

Zwischen dem Modell des US-amerikanischen Zusammenlebens, auch Kapitalismus genannt, und dem Modell des osteuropäischen Zusammenlebens, auch sozialistisch oder kommunistisch genannt, gab es ja zumindest im Selbstbild Österreichs den "österreichischen Weg", einen Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit in verschiedenster Form. Wie schätzen Sie Österreich ein, das Sie auf Grund Ihrer früheren Forschungen und zuletzt auch Ihrer Gast-Professur an der TU Wien, kennen? Ist es eine Alternative oder das gleiche Muster in anderen Farben?

Eine meiner ersten Veröffentlichungen, etwa in den frühen 60er-Jahren, war eine Untersuchung über Wien und die Wohnbau-Politik der 1920er-Jahre, speziell über die Wohnbau-Steuer; ich beschrieb den Karl-Marx-Hof, den ich als Symbol für den Erfolg gesehen habe.

Das, was ich zu jener Zeit am attraktivsten empfunden habe, waren die "Gemeinschaftsverhältnisse". Im Karl-Marx-Hof gab es eine Bibliothek, die von allen benutzt wurde, gemeinsame Waschmöglichkeiten, gemeinsamen Gartenbau und so weiter. Ich fand das sehr gut; Wohnung ist nicht nur Wohnen, sondern neben dem privaten auch gemeinsames Leben.

Ich habe da viel Gutes gesehen, das – wie ich meinte – auch für die Vereinigten Staaten sehr nützlich sein könnte. In den Vereinigten Staaten kritisiert man die großen Wohnungsbauten, weil sie uniform sind und die Leute nicht zusammenbringen; speziell im sozialen Wohnungsbau, wo öffentliche Einrichtungen zu teuer sind, leben die Leute isoliert.

Ein Beispiel: Wenn man im Aufzug ein Kind sieht, das die Wand beschmiert, sagt man zu ihm, das sollte man nicht tun; oder man guckt in eine andere Richtung und lässt es sein. In den sozialen Wohnbauten lässt man es meistens sein, soll sich jemand anderer darum sorgen.

Ich wollte mir das jetzt, bei meinem Wien-Besuch, wieder ein wenig anschauen, wie das jetzt ist; es gab eine Exkursion zum Karl-Marx-Hof, aber wir haben nur wenig gesehen; wir konnten auch wegen der Modernisierungsarbeiten nicht reingehen.