Aber ich würde sagen, einer der großen Beiträge, den die Entwicklung in den Vereinigten Staaten gebracht hat, ist die Partizipation, die Mitbestimmung. Die Offenheit, mit der Planung unternommen wird; zum Teil mehr theoretisch als praktisch, aber es ist anerkannt, dass Planung eine Funktion einer demokratischen Gesellschaft ist und ein demokratischer Prozess sein sollte.

Das heißt, dass es Anhörungen gibt, aber auch Möglichkeiten des Protests, der Mitarbeit, der Veränderung und der Flexibilität; und dass es Gremien auf der Ebene der Nachbarschaften geben sollte, die zum Beispiel einen Einfluss darauf haben, ob Hochhäuser gebaut werden sollten oder nicht.

Es gibt auch Probleme der ganzen Stadt, die zu auszugleichen sind. Aber das sind Entscheidungen, die demokratisch und unter Mitwirkung der Bewohner entschieden werden sollten. Da haben wir große Erfahrungen, auch manche schlechte, aber im Allgemeinen ist es doch Konsens, dass die Planung demokratisch sein sollte, mit Beteiligung der Bürger. Wir sind jetzt vorsichtig mit der Bezeichnung Bürger, weil wir Migranten nicht ausschließen wollen.

Ihre Demokratie- und auch Diskurs-Standards dürften ja schon familiär stark geprägt sein, speziell durch Ihren Vater Herbert Marcuse. Hat sich die prominente Rolle, die Ihr Vater im Zusammenhang mit dem gesellschaftspolitischen Diskurs eingenommen hat, auf Sie ausgewirkt?

Ich kann mich nicht an große, lange Diskussionen mit meinem Vater erinnern. Es tut mir sehr leid; ich war nie ein Student von ihm. Ich habe gehört, dass er ein sehr guter Lehrer war. Ich habe ihn mehrmals gehört, wie er in der Öffentlichkeit geredet hat.

Ich war während seines letzten Lebensjahres mit ihm in Frankfurt und südlich von München, in Starnberg. Ich kenne seine Ideen, aber nicht als sein Sohn. Ich lese jetzt eigentlich mit Begeisterung, was er geschrieben hat, was ich vorher nicht gesehen habe.

Wir veröffentlichen gerade den sechsten Band mit Schriften und Interviews aus dem Laufe seines Lebens – und dieser sechste Band ist einer der interessantesten. Es sind Interviews, in denen er einzelne Fragen beantwortet und konkret auf große philosophische Themen eingeht.

Vieles von dem, was mein Vater gedacht und in den Gesprächen, die wir hatten, gesagt hat, könnte für die Stadtplanung nützlich sein. Besonders eine Frage, die wir nicht immer so klar formulieren, wie er sie formuliert hat, und die schwer zu beantworten ist: Man braucht freie Menschen für eine freie Gesellschaft; aber freie Menschen entwickeln sich nur in einer freien Gesellschaft. Das ist ein Teufelskreis. Eine Kernfrage unserer gesamten Gesellschaft.

Wenn Sie die Stadt oder den Städtebau der Zukunft vor Augen haben, welchen Wunsch haben Sie da?

Ich habe kein "Bild" der Stadt der Zukunft, ich habe aber einen Wunsch, wie sie bestimmt sein könnte und sollte: Demokratisch, von gut informierten Menschen getragen, ohne dass die politische Macht einzelner eine Rolle spielt, also dass es eine echte politische Gleichheit gibt.

Dieses Interview ist in stark gekürzter Form in der Print-Ausgabe der "Wiener Zeitung" vom 6. Juni 2014 erschienen.