Wien. Es ist meine erste Nacht in der Seestadt: 29. Mai 2015, 17 Grad, Regen. Vor mir erstreckt sich die in blaues Licht getunkte Seestadt. Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Alles, woran wir, mein Freund und ich, in den vergangenen drei Jahren geplant haben, ist nun erfüllt: Ich lebe in der Seestadt. Ich bin eine Seestädterin. Diesen Satz werde ich nun öfter sagen, wenn mich jemand fragt, wo ich wohne.

Ich liege auf der Matratze, umgeben von unzähligen Umzugskartons. Es wird noch dauern, bis sie sich in eine gemütliche Wohnung verwandelt haben, wo es einen Kaffee gibt, Internet und ein Bad, wo das Licht brennt. Draußen vor meiner Haustür ist noch Baustelle. Gelegentlich schauen die Bauarbeiter rein.

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Hungrig bin ich. Ohne Küche kocht es sich schwer. Und weit und breit gibt es keine Frühstücksmöglichkeit. Egal, ich muss zu meinem Termin, eine Fotokonferenz im Museumsquartier. Bedacht starte ich eine Stunde früher, für einen Weg, für den ich früher nur 20 Minuten gebraucht habe. Beim Volkstheater angekommen, klopfe ich noch etwas Baustellenstaub vom schwarzen Kleid ab und fühle mich wie ein Fabelwesen, geboren in einer Staubwolke. Ob man mir ansieht, wo ich heute aufgewacht bin?

Während der Konferenz kann ich mich nur mäßig auf die grell bearbeiteten Prinzessinnenbilder konzentrieren. Auf dem Heimweg gehen meine Füße planlos und müde die Mariahilfer Straße entlang, als würden sie nicht auf mich hören wollen, gen alte Wohnung, die drei Jahre mein Zuhause war.

Max werkt an unserem Traumhaus - © Luiza Puiu
Max werkt an unserem Traumhaus - © Luiza Puiu

War es die richtige Entscheidung, so weit rauszuziehen? In diese Satellitenstadt am Rande Wiens? Ich steige in die U2 Richtung Seestadt und schlafe ein. Ein Nickerchen ist auf jeden Fall drinnen, sitze ich doch immerhin 40 Minuten in dem Waggon, bis ich in der Endstation ankomme. Dort nehme ich dann noch den Bus für das letzte Stück, bis ich schließlich zuhause bin. Zwölf Minuten Wartezeit. Noch sind sie geizig, was die Intervalle angeht. Ich hoffe, dass sich das ändern wird, wenn eines Tages 20.000 Menschen hier leben werden.

An solche Details denkt man nicht drei Jahre im Voraus. Da denkt man nur: Ich bin Teil eines großen Projekts, einer neuen Vision des Wohnens. Tja, wenn ich so mit dem Bus an traurig nassen Mohnblumfeldern vorbeifahre, zweifle ich schon einmal an dieser Vision und denke mir nur: Sogar ihr wohnt zentraler als ich.

Unsere Skyline - © Luiza Puiu
Unsere Skyline - © Luiza Puiu

Als mein Freund und ich vor drei Jahren zum ersten Mal in die Seestadt gefahren sind, war das noch ein Tagesausflug. Die U2 war noch nicht bis hierher verlängert worden. Wir waren sprichwörtlich im Nichts. Der Weg führte zu Fuß durchs hohe Gras. Breite Heufelder erstreckten sich in der Landschaft, wie ich sie von meinen Sommerferien am Land kannte. Wenige Meter vor unseren Füßen schrie ein Fasan auf und flog davon. Romantisch waren diese Seestadtausflüge damals, so wie für andere Paare Candle Light Dinner. Wir waren aufgeregt, wo unsere Wohnung einmal stehen sollte. Wir hatten die genauen Koordinaten unseres zukünftigen Wohnzimmers längst ausgerechnet und schon damals "darin" mit unseren zukünftigen Nachbarn gepicknickt.

Soziokratie, die alle glücklich macht

Mein Freund hatte für uns eine Baugruppe gefunden, ein Verein von unterschiedlichen Leuten, die eines gemeinsam haben: zusammen ein Haus planen zu wollen, in dem sie später nicht anonym leben, sondern sich gegenseitig kennen und schätzen. Als er vom ersten Treffen zurückkam, war er begeistert, manche würden sagen gehirngewaschen. Sie hatten zusammen geträumt, wie das ideale Haus ausschauen würde, welche Gemeinschaftsräume das Leben verfeinern würden und wie man seine Freizeit gemeinsam gestalten könnte. Das wäre doch perfekt für mich, wo ich doch über die unfreundlichen Wiener immer schimpfte, meinte er. Ich war skeptisch.

Schraub, schraub, schraub... - © Luiza Puiu
Schraub, schraub, schraub... - © Luiza Puiu

Zusammen mit 40 fremden Menschen trafen wir uns von nun an fast wöchentlich, um über lebenswichtige Themen "soziokratisch" zu entscheiden. Soziokratisch, das ist eine Stufe über basisdemokratisch, habe ich gelernt. Nicht die Mehrheit, sondern alle haben die Macht. Das heißt: Die Themen werden durchgesprochen, bis es zu einem Beschluss kommt, mit dem alle leben können. Alles wurde gemeinsam beschlossen: jede Steckdose, jede Fugenfarbe, jede Wohnungsgröße, jede Terrassenbespielung. Und das ohne Mord, Streit und Hierarchie. Das soll gehen? Schließlich wollte der eine lieber ein Meditationsgarten statt eines Coworking-Space, einen Musikraum statt eines Fitnessraums und einige auch eine Sauna. Es ging.

Ich war damals gerade mal 22 Jahre alt und verstand vom Wohnen, dass ein Bett und eine Dusche dazu gehörten. Unterschiedliche Böden und Wandmaterialien, Elektro- und Sanitärinstallationen waren bis zu dem Zeitpunkt präsent gewesen, über ihren Entstehungsprozess hatte ich aber nie nachgedacht. Darüber mitdiskutieren war nicht unreizend, wenn doch manchmal überfordernd, jedoch überraschend harmonisch. Und so saßen wir dann alle im Kreis beim monatlichen Jour fixe und besprachen das Haus, die Entscheidungen unserer Architekten, der Baufirma, die Interessenten, die zukünftigen Vereinsmitglieder. Das Haus wuchs, enge Freundschaften entstanden, Kinder kamen zur Welt.

1. Ausflug aufs Feld - © Luiza Puiu
1. Ausflug aufs Feld - © Luiza Puiu

Wird uns je jemand hier draußen besuchen?

Drei Jahre lang lebte dieses Ideal des gemeinsamen Hauses in unseren Köpfen. Wir fütterten unsere Beziehung mit Zukunftsträumen. Regelmäßig fuhren wir dafür in die Seestadt, fotografierten Baukräne und Bauarbeiter, dokumentierten die Ankunft der ersten Steine, Platten, Bauten, Bäume. Die Schule gehörte schon unseren ungeborenen Kindern und uns gehörte schon damals der See. Jeden Sommer badeten wir darin, neben Baggern und Baugerüsten. Die Silvesternacht 2015 verbrachten wir in der U-Bahn Richtung Seestadt. Über die Donau fliegend tanzten wir Donauwalzer, stießen mit einer Flasche Sekt an und bewunderten die Luftfahrt durch die Feuerwerke. 2015 sollte das große Jahr werden, in dem wir in die Seestadt ziehen. Wir waren aufgeregt.

Und plötzlich wurde aus dem Traum Realität. Da standen wir nun in einem aus einem ehemaligen Flugfeld gestampften frischen Stadtteil. Was haben wir uns bloß gedacht? Ist das noch überhaupt Stadt? Wird uns je jemand hier draußen überhaupt besuchen? Wie werde ich von hier aus arbeiten können? Schaffe ich es rechtzeitig zu meinen Terminen? Die skeptische Stimme in meinem Kopf wurde wieder laut.

Feierabend auf der Gemeinschaftsterrasse - © Luiza Puiu
Feierabend auf der Gemeinschaftsterrasse - © Luiza Puiu

Mein Freund versuchte sie zu beruhigen: Nur Geduld. Das wird schon. Ich wusste: Neben neuen Wohnungen und neuen Nachbarn mussten vor allem neue Gewohnheiten her, ein neuer Rhythmus, eine neue Zeitrechnung. Und die anderen Pioniere halfen mir dabei. Johannes, der Buchhändler neben dem Seepark, bot uns nicht nur Bücher im passenden U-Bahn-Format, sondern auch seine Transporthilfen für den Umzug an. Herr Miele betreibt die Seestadt-Kantine, das dörfliche Container-Wirtshaus mit Balkanhumor und liebenswertem Seestadtpatriotismus. Den Umzugsstress konnten wir bei ihm ausklingen lassen. Die Blumen, die auf einmal vor unserer Wohnungstür standen, waren ein Willkommensgeschenk von Schon-Seestädter.

Nach fast drei Monaten beginnen wir uns an unser neues Leben zu gewöhnen: die Kinder, die im Hannah-Arendt-Park spielen, der Eisverkäufer, der mit seiner Biovanille-Kreation vom Bauernhof seine Runden dreht, die Familien, die begeistert beim See picknicken, und der Chor der Seestadt, der dafür jeden Donnerstag den entsprechenden Soundtrack liefert. Und wenn der Wind über den türkisen See weht und sich das Leben wie Urlaub am Mittelmeer anfühlt, weiß ich: Ich bin zu Hause.