Henri Lefebvre, 1971. - © Par Verhoeff, Bert / Anefo — [1] Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANeFo), 1945-1989, Nummer toegang 2.24.01.05 Bestanddeelnummer 924-3417, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27
Henri Lefebvre, 1971. - © Par Verhoeff, Bert / Anefo — [1] Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANeFo), 1945-1989, Nummer toegang 2.24.01.05 Bestanddeelnummer 924-3417, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27

Das mit der Utopie ist so eine Sache, hat sie sich in ihrer Bedeutung heutzutage durch den Alltagsgebrauch als eine Idee, die unausführbar ist und jeglicher Grundlage entbehrt, durchgesetzt. Die Utopie als Entwurf einer besseren Welt aus dem Material der Wirklichkeit hingegen hat  ausgedient. Fast: Denn seit rund zwei Jahrzehnten sind die Lehren des französischen Philosophen Henri Lefebvre in Theorie und Praxis wieder en vogue. Vor allem neue urbane Bewegungen berufen sich in ihren Forderungen für Mitsprache bei der Städteplanung und für die Wiederaneignung des städtischen Raumes auf seinen Text "Das Recht auf die Stadt".

Veröffentlicht 1968, beschrieb Lefebvre darin die industrialisierte, durchgeplante und bürokratisierte Stadt des 20. Jahrhunderts. Er lebte damals in Paris und die Stadt war ihm zufolge öde und langweilig geworden, durch städteplanerische Eingriffe, durch die Vertreibung von Arbeitern und Migranten aus der Innenstadt, durch Ghettoisierung sowie durch die Verstädterung der umliegenden Dörfer.

Henri Lefebvre, geboren 1901 in Hagetmau, gestorben 1991 in Navarrenx, war – so steht es zumindest in den verschiedensprachigen Wikipedia-Einträgen - Soziologe, Geograph, Intellektueller und Philosoph, auch als Agrargeograph arbeitete er und heute würde man ihn wohl Stadtsoziologe nennen. Die vielen Zuschreibungen treffen sich aber durchaus mit Lefebvres Selbstbeschreibung: Er bezeichnete sich selbst als Metaphilosoph, der immer mehrere Teildisziplinen außerhalb der Philosophie gestreift habe, um die Kenntnisse daraus zu nutzen.
Wissenschaft als Praxis war ihm ebenso wichtig wie Interdisziplinarität: so müsse man als Ausgangspunkt immer für Werte wie Humanismus, Freiheit und Gerechtigkeit Partei ergreifen, also nicht scheinbar neutral, objektiv sein.

Auf die Probe stellte ihn dieses Postulat die Mai Revolte von Paris 1968. Als Professor an der Universität Paris-Nanterre war er maßgeblich daran beteiligt, dass die Proteste von dort ihren Ausgang nahmen, er gilt als einer der Väter der Mai-Unruhen. Doch wie andere Professoren auch distanzierte sich Lefebvre von den aufständischen Studenten. Die Zeit für eine Rebellion sei mangels Unterstützung durch die Arbeiter noch nicht reif, betonte er, was ihm den Zorn seiner Studenten einbrachte.

Es war nicht das erste Mal, dass er aufgrund seiner kompromisslosen Haltung mit Ausschluss und Kritik bedacht wurde. Nach seiner Trennung von Bretons Surrealisten und seinem Rausschmiss aus der französichen Kommunistischen Partei im Jahr 1958 wegen seines undogmatischen Zugang zum Marxismus folgte 1966 sein Ausschluss aus dem inneren Zirkel der Situationistischen Internationalen, was auch das Ende seiner engen Freundschaft und des regen Austauschs vor allem mit Guy Debord, dem Chef der Gruppe, bedeutete. Frauen, der Streit um angebliche Plagiate und um die Veröffentlichung in einer von den Situationisten boykottierten Publikation waren Stein des Anstoßes. "Eine Liebesgeschichte, die schlecht endete, sehr schlecht", äußerte sich Lefebvre dazu in einem Interview.