Privatisierung städtischer Flächen, Gentrifizierung, Aufwertung ganzer Stadtteile oder Überwachung von öffentlichen Räumen: Unter der Parole "Recht auf Stadt" bilden sich weltweit neue städtische Protestbewegungen, die sich gegen aktuelle Zustände in der Stadt wenden und die verschiedene Interessen und Forderungen umfassen: diese reichen von menschenwürdigem Wohnen, Infrastruktur für alle, selbstbestimmte Wohn- und Lebensformen über Zugang zu den politischen und strategischen Debatten über künftige Entwicklungen, bis hin zur Forderung nach Transparenz in den Entscheidungen der städtischen Verwaltung oder Proteste gegen Verkehrsbelastung.

Die Gruppierungen, die sich unter dem Slogan sammeln, sind sehr verschieden: So fordern Mieter in New Orleans die Rückkehr in ihre alten Wohnungen, in Madrid protestieren Sexarbeiterinnen und Bewohner gegen Verdrängung aus den Bezirken und in Hamburg besetzten Künstler die letzten historischen Gebäude im Gängeviertel um die Neubaupläne eines Investors zu verhindern. In den USA wiederum ist seit 2007 die Right to the City Alliance (RTTC) aktiv, ein bundesweiter Zusammenschluss, der sich Gentrifizierungprozessen widersetzt. Andere setzen sich wiederum dafür ein, dass das Recht auf Stadt nicht an Staatsbürgerschaft gekoppelt bleibt, dass vor allem Migranten das Recht auf aktive und gleichberechtiget Teilhabe am urbanen Leben nicht verwehrt bleiben dürfe. Und auch in Wien taucht der Begriff immer häufiger im Zusammenhang mit stadtpolitischem Engagement auf, vor zwei Jahren haben auch hier Aktivisten eine "Recht auf Stadt"-Gruppierung gegründet, ihre Aktionen haben sich bisher gegen die hohen Mietpreise gerichtet, auch haben sie eine Kampagne über die Leerstandspolitik der Stadt lanciert.

Dabei ist Recht auf Stadt nicht nur im industrialisierten Norden zu finden, sondern auch in den Städten des Südens. Denn die Zahl derer, die ohne sauberes Wasser, ohne Strom und ausreichende sanitäre Einrichtungen in Slums leben, wächst. Als Antwort auf die prekären Wohn-, Lebens- und Rechtsverhältnissen haben daher vor allem Nichtregierungsorganisation mittlerweile auch die Forderung von "Recht auf Stadt" in ihre Arbeit integriert. So hat etwa die Habitat International Coalition (HIC), ein Zusammenschluss zahlreicher in den sozialen Bewegungen verankerter NGOs eine Welt-Charta für das Recht auf Stadt ausgearbeitet. Solche Bemühungen wurden schließlich auch von den UN-Organisationen UN-HABITAT und UNESCO unterstützt, die ihrerseits ein "Recht auf Stadt" postulieren.

"Recht auf Stadt" vereint also viele Forderungen in den verschiedensten Kontexten – nicht immer ohne Kritik. Denn viele Forderungen haben nur bedingt mit den Theorien Henri Lefebvres gemein, der mit "Recht auf Stadt" neben der Möglichkeit zur Veränderung der Gesellschaft vor allem Herrschafts- und Systemkritik ausübte. So betont etwa der brasilianische Wissenschafter Marcelo Lopes de Souza, dass durch die Popularität des Slogans die ursprünglichen Absichten Lefebvres verwässert würden, eine Banalisierung seiner politisch-strategischen Arbeit sei die Folge.