Nach der Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 setzte in der Berg-, Maschinenbau- und Eisenbahnindustrie ein Wirtschaftsboom ein. Der Aufschwung war neben Berlin im Rheinland, in Sachsen und Westfalen spürbar. Neue Banken wurden gegründet und expandierten. Binnen weniger Jahre explodierte, befördert durch eine Gesetzesnovelle von 1870, die Zahl der Aktiengesellschaften in Deutschland auf über 900, mit einem Vermögen von fast drei Milliarden Mark. Begünstigt war die Entwicklung durch die fällig gewordenen Kriegsanleihen und die Reparationen nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich.

Ob Tulpen, Aktien oder Immobilien: Spekulationsobjekte lassen Anleger mitunter alles Maß, jeden Realitätsbezug verlieren - und entfesselte Märkte wie Seifenblasen platzen. - © WZ-Illustration/ham
Ob Tulpen, Aktien oder Immobilien: Spekulationsobjekte lassen Anleger mitunter alles Maß, jeden Realitätsbezug verlieren - und entfesselte Märkte wie Seifenblasen platzen. - © WZ-Illustration/ham

In Österreich-Ungarn erzielte die Landwirtschaft Rekordernten, worauf die Erträge in den Eisenbahnbau flossen. Viele Industriebetriebe und spekulative Firmen waren entstanden und die Immobilienpreise gestiegen. Zur Bestreitung von Bauvorhaben gaben Hypothekenbanken sorglos Pfandbriefe aus, die als Sicherheit für lediglich halbgebaute oder geplante Häuser fungierten. Aktien konnten damals nur durch Teilsummen gekauft werden, wodurch weniger Zahlungskräftige hoch dotierte Wertpapiere in Erwartung stets steigender Kurse erwarben. Die Nachzahlung sollte mit erhofften Gewinnen erfolgen. Deutsches Kapital strömte noch im Ausmaß von rund einer Milliarde Mark nach Wien. Die Telegraphie beschleunigte den Aktienkauf.

Die Regierung schaute dem Treiben tatenlos zu. Die Kurse stiegen ins Unermessliche. Durch Überangebote fielen die Preise. Kurz nach der mit viel Wachstumsoptimismus eröffneten Wiener Weltausstellung ereignete sich am 9. Mai 1873 der "Schwarze Freitag". Banken und Baugesellschaften brachen zusammen, Insolvenzen häuften sich, Lohnkürzungen und Pleiten folgten. Nachfrage und Produktion gingen zurück. Hauseigentümer verloren. Kredite mit kurzer Laufzeit wurden nicht mehr prolongiert, was noch mehr Anleger zahlungsunfähig machte. Die Habsburgermonarchie war von der Gründerkrise mehr betroffen als das deutsche Kaiserreich. Der Krach hatte jahrelange europäische und globale Folgen. Die Börse in New York musste erstmals in ihrer Geschichte schließen.

Börsensturz 1929

John Kenneth Galbraith sprach vom "Vater aller Krisen": Am Donnerstag, den 24. Oktober - nach europäischer Zeitrechnung der "Schwarze Freitag" -, ereignete sich der bis dato folgenreichste Börsensturz. Einen "Black Friday" hatte es zuvor schon am 24. September 1869 in den USA gegeben. Der eigentlich größere Schreckenstag war aber der 29. Oktober 1929, ein "Schwarzer Dienstag", als in der ersten halben Stunde des Börsenhandelstages eine Verkaufswelle von über drei Millionen Aktien einsetzte.