Finanzmärkte sind notwendig. Sie müssen reguliert werden. Ich bin sicher, dass die vor 1970 geltenden Regeln heute nicht mehr adäquat wären. Das System von Bretton Woods mit seiner Bindung der Weltwirtschaft an den Dollar und das Pfund wurde geplant, als Europa zerstört und die kommende Dominanz der Sowjetunion über Osteuropa akzeptiert war. Der Rest der Welt war arm und in großen Teilen kolonialer Anhang an Europa. In allen Staaten gab es 1970 noch Kapitalverkehrskontrollen. Sie sind notwendig in einer Welt fixer Wechselkurse.

Die tatsächlichen Liberalisierungen der Finanzmärkte waren sicher nicht nur ein Segen. Die Probleme liegen aber nicht bei der langfristigen Reduzierung der Nachfrage durch geringere Investitionen, sondern bei der höheren Anfälligkeit für Krisen. Die im Jahr 2008 war ein Beispiel. Einige Verbesserungen in den Regelwerken wurden vorgenommen. Leider will die Regierung Trump sie wieder rückgängig machen.

Sind an allem die Ökonomen schuld? Schulmeister sagt dem Mainstream der Ökonomie nach, dass er staatliche Regulierungen der Wirtschaft ablehnt. Statt wissenschaftlicher Analyse tritt ein Glaube an die Marktkräfte - der Neoliberalismus. Diese Meinung über Ökonomie ist weit verbreitet. Sie ist aber falsch. Der Mainstream ist all das, was auf Universitäten, insbesondere den guten, gelehrt wird: die Methoden, die für theoretische und angewandte Forschung verwendet werden, die Publikationen in guten Fachjournalen. Dazu gehören sicher auch Ökonomen, die von den Vorteilen unregulierter Marktsysteme überzeugt sind. Sie sind Teil des Mainstreams, aber sie bestimmen ihn nicht.

Vielfältiger Mainstream

Ist dem Autor beim Schreiben seines Buches nicht aufgefallen, dass er sich in seiner Kritik an den Marktideologen auf Ökonomen stützt, die auf sehr anerkannten Universitäten arbeiten? Manche von ihnen haben den Nobelpreis bekommen. Sind sie kein Teil des Mainstreams? Am 10. Juli veröffentlichte die "FAZ" eine Erklärung von 14 sehr anerkannten deutschen und französischen Ökonomen, die in einigen Fragen ähnlich kritisch gegenüber der bisherigen Politik in Europa sind wie Schulmeister. Sie sind nicht der Mainstream, aber sie gehören dazu. Und sie arbeiten mit den üblichen Instrumenten der Wirtschaftstheorie.

Diese Instrumente ermöglichen die Analyse wirtschaftlicher Zusammenhänge. Schulmeister lehnt sie jedoch explizit ab. Analysen mit ihnen seien zu sehr an einem Gleichgewicht auf Märkten orientiert. Stattdessen erzählt er eine Geschichte, die ich für bedenklich halte. Einige Ökonomen mit der festen Überzeugung, dass die Wirtschaft möglichst frei von staatlichen Einflüssen sein soll, gründeten 1947 die Mont-Pèlerin-Gesellschaft zur Diskussion und Propagierung einer liberalen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Die konkreten Inhalte waren vage. Der Österreicher Friedrich A. Hayek und der Amerikaner Milton Friedman waren bei der Eröffnung mit dabei. (Hayek war von 1947 bis 1961 Präsident).

Eine Verschwörung?

Diese Gesellschaft sollte nicht groß werden, aber einflussreich. Die Zahl der Mitglieder ist bis heute unter Tausend geblieben. Sie sind gut untereinander und mit konservativen und wirtschaftsliberalen Thinktanks vernetzt. Ein Einfluss auf die Politik ist ihnen nicht abzusprechen. Schulmeister behauptet aber viel Stärkeres. Diese Gesellschaft habe die ursprünglich keynesianisch orientierten Eliten - ein Ausdruck, den er oft verwendet - umgedreht. Sie wurden zum Liberalismus à la Hayek bekehrt. Heute wissen viele Professoren, Journalisten und Politiker - sie sind ja Opportunisten - nicht einmal, dass ". . . sie Akteure einer großen Inszenierung sind, die Hayek und Co. vor siebzig Jahren planten". War es also eine erfolgreiche Verschwörung?