• vom 30.01.2018, 17:55 Uhr

Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite

Update: 07.09.2018, 14:26 Uhr

Finanzkrise

"Unsere Theorien sind blind"




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Von Michael Schmölzer

  • 2008 brach die weltweit größte Finanzkrise seit 1929 aus. Ökonomen sehen auch für die Zukunft schwarz.

Schulmeister (l.) und Michalitsch debattieren im "Depot". - © F. Hans

Schulmeister (l.) und Michalitsch debattieren im "Depot". © F. Hans

Wien. Als die legendäre US-Investmentbank Lehman Brothers pleite ging, war der Auftakt zur schwersten Weltwirtschaftskrise seit den 1930er Jahren gesetzt. Das ist mittlerweile zehn Jahre her und es stellt sich die bange Frage, was und ob die Welt überhaupt etwas aus dieser Katastrophe gelernt hat.

Am Montagabend wurde diese Frage im Wiener "Depot" debattiert, die Politikwissenschafterin Gabriele Michalitsch, der Wirtschaftswissenschafter Stephan Schulmeister und Hanno Lorenz vom unabhängigen Thinktank "Agenda Austria" tauschten ihre Argumente aus.


Einig waren sich alle drei, dass vor zehn Jahren und auch danach "enorm viel schiefgegangen" ist. Was die Ursachen der Krise und die daraus zu ziehenden Lehren betrifft, gab es durchaus Auffassungsunterschiede. Ein mehr als düsteres Fazit zog jedenfalls Michalitsch. "Die gravierendste Erfahrung ist die, dass die Krisenursachen in den letzten zehn Jahren einfach redefiniert wurden", so die Politologin. Aus einer Krise des Finanzsektors sei eine Staatsschuldenkrise geworden. Einflussreiche Persönlichkeiten wie EZB-Chef Mario Draghi hätten proklamiert, dass der Sozialstaat ausgedient habe - das sei seitdem auch rechtlich festgeschrieben worden. Gleichzeitig sei im Zuge einer vorgeblichen Krisenbewältigung die Demokratie "radikal beschnitten" worden. Die Troika, bestehend aus Europäischer Zentralbank, dem IWF und der EU-Kommission, habe das in Griechenland "auf niederträchtigste Weise demonstriert". Die "marktkonforme Demokratie" der deutschen Kanzlerin Angela Merkel sei heute "in beängstigender Weise real", die Parlamente, die Gewerkschaften geschwächt - überall mache sich ein "neuer Autoritarismus" breit.

Stephan Schulmeister indes sieht linke Ökonomen im Wettstreit der Ideen unterlegen und die Welt mit einem "systemischen Problem" konfrontiert. Für den früheren Wifo-Experten fehlen die theoretischen Werkzeuge, um die wahren Ursachen der Krise erkennen zu können. Die linken Ökonomen, so seine Kritik, hätten beim Ausbruch der Finanzkrise keine passende Theorie parat gehabt, um das neoliberale Denken zu ersetzen. Der Zeitpunkt wäre laut Schulmeister denkbar günstig gewesen, seien doch zum ersten Mal seit 1929 "Aktien-, Immobilien- und Rohstoffmärkte" gleichzeitig eingebrochen. Aber es gäbe einfach keine Gegentheorien, während die Denker des Neoliberalismus die 50er und
60er Jahre intensiv genutzt hätten, um die Vorstellungskraft der Menschen zu prägen.

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Dokument erstellt am 2018-01-30 17:38:14
Letzte Änderung am 2018-09-07 14:26:00




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