"Der IWF hatte während der Asienkrise Ländern wie Thailand und Malaysia vier Milliarden Dollar gegeben. Für Griechenland waren es gleich im ersten Hilfspaket 110 Milliarden Euro", erinnert Griechenlands ehemalige EU-Kommissarin Anna Diamantopoulou. Thailand hat knapp 70 Millionen Einwohner. Griechenland knapp 11 Millionen Einwohner. Die Diskrepanz im Kreditvolumen ist wohl der Vernetztheit Griechenlands geschuldet. Die 110 Milliarden Euro "flossen nicht in die griechische Wirtschaft, sondern zu den griechischen Banken, um die Banken im Rest von Europa stabil zu halten", urteilt Diamantopoulou. Sie räumt ein, dass Griechenland in den vergangenen Jahrzehnten viele Fehler gemacht habe. Sie gibt aber auch zu bedenken, dass mit zweierlei Maß gemessen worden war.

Wer zahlt für eine Krise?
Diamantopoulou, die von 1999 bis 2004 in der Ära Romano Prodi EU-Kommissarin für Beschäftigung war, erinnert sich an das Jahr 2002, als die Europäische Währungsunion gerade erst gestartet war. Bei Überprüfung der Bücher musste man in der Kommission feststellen, dass die wichtigen EU-Mitglieder Deutschland und Frankreich ein Problem mit ihrem Defizit hatten. Daraufhin entspann sich eine hitzige Debatte, ob nun Strafen fällig wären. Italiens EU-Kommissar für den Binnenmarkt, Mario Monti, hätte sich für Strafen stark gemacht. Doch es setzten sich knapp jene Kommissare durch, die sich dafür eingesetzt hatten, nicht viel Aufhebens darum zu machen. "Zehn Jahre später hatte auf einmal jedes Mitgliedsland ein Defizit-Problem."

"Krise", erinnert Diamantopoulou, kommt vom griechischen "crisis", das neben Krise auch "Urteil" beziehungsweise "Beurteilung" bedeutet.
Während in der ersten Phase der Krise, 2008 bis 2010, vor allem Banken, Immobilien und der Bausektor die Leidtragenden waren, war ab 2011 mit den starken Austeritätsmaßnahmen vor allem der öffentliche Sektor betroffen. Denn im Gegenzug für die Kredite der Troika, die unter anderem den Banken aus der Patsche geholfen hatten, mussten Maßnahmen im öffentlichen Sektor durchgesetzt werden. Denn ein Staat kann nicht an einem anderen Eck sparen. Kürzungen im öffentlichen Bereich betreffen wiederum überwiegend Frauen, Pensionisten und ärmere Bevölkerungsschichten.