• vom 08.09.2018, 08:00 Uhr

Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite

Update: 08.09.2018, 14:06 Uhr

Krisenfolgen

"Die Folgen von Krisen tragen die Privathaushalte"




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Von Konstanze Walther

  • Erschöpfung, Krankheit, Selbstmord: Die Politologin Stefanie Wöhl über die tiefen Spuren, die Krisenmaßnahmen hinterlassen.

"Austeritätspolitik hinterlässt tiefe Spuren in Form von hohen Arbeitslosenraten in Ländern wie Griechenland und Spanien. In Irland und Spanien wurden viele Menschen aus ihren Häusern delogiert", sagt die Politologin Stefanie Wöhl. Im Bild während eines Seminars beim Europäischen Forum Alpbach. Was die Krisenfolgen bewirken, wird im BIP nicht sichtbar. - © Laurent Ziegler

"Austeritätspolitik hinterlässt tiefe Spuren in Form von hohen Arbeitslosenraten in Ländern wie Griechenland und Spanien. In Irland und Spanien wurden viele Menschen aus ihren Häusern delogiert", sagt die Politologin Stefanie Wöhl. Im Bild während eines Seminars beim Europäischen Forum Alpbach. Was die Krisenfolgen bewirken, wird im BIP nicht sichtbar. © Laurent Ziegler

20180908IRELAND-VOTE-DEMONSTRATION

20180908IRELAND-VOTE-DEMONSTRATION© APAweb/AFP, Quinn 20180908IRELAND-VOTE-DEMONSTRATION© APAweb/AFP, Quinn

"Wiener Zeitung": Mit der Pleite von Lehman Brothers kam 2008 der große Crash, der dann in eine Staatsschuldenkrise in Europa gemündet ist. Haben wir die Krise inzwischen hinter uns gelassen?

Stefanie Wöhl: Es haben sich mehrere Euro-Länder wieder etwas herausgearbeitet und stabilisiert – das Bruttoinlandsprodukt legt wieder zu. Allerdings darf man das zyklische Element von Finanzkrisen nicht vergessen, die immer wiederkehren können. Es gibt etwa Anzeichen dafür, dass eine Immobilienkrise im Euroraum entsteht. Wenn man sich aber andere Folgen der Krise ansieht, sind diese noch stark zu spüren. In Form der Austeritätspolitik, die tiefe Spuren hinterlassen hat. Und in Form der noch immer hohen Arbeitslosenraten in Ländern wie Griechenland und Spanien. Zudem sind viele Menschen in Irland oder Spanien aus ihren Häusern delogiert worden. Das sind die Fakten, die man bei der alleinigen Betrachtung des Wirtschaftswachstums nicht sieht.

Abgesehen von der klassischen Pleite – inwiefern hat die Krise Spuren in der Gesellschaft hinterlassen?

Die Folgekosten der Krise tragen ja meistens die Privathaushalte. Und in diesem Fall leider meistens auch Frauen. Davon zeugen Studien, die sich mit den verschiedenen Krisen der letzten Jahre befasst haben – sowohl mit der Asienkrise 1997 als auch in Brasilien, Argentinien und jetzt, Post-2008 mit der EU. Der Begriff, den die Wissenschaft verwendet, und der an der Universität Warwick von einer Kollegin entwickelt wurde, ist "social depletion", also etwa "soziale Erschöpfung": Vor allem Frauen tragen die Kosten der Krise, indem sie unbezahlte soziale Reproduktionsarbeit zu Hause leisten. Das heißt, sie übernehmen vermehrt wieder Hausarbeit.

Die Folgewirkung ist, dass dann auch die – meist weiblichen – Haushaltshilfen ihren Job verlieren. Aber auch in der freiwilligen Infrastruktur, die bereitgestellt wurde – etwa das Organisieren von Suppenküchen in Griechenland – das waren alles Tätigkeiten, die hauptsächlich Frauen übernommen haben. Dort, wo der Staat nicht mehr Vorsorge treffen konnte – aufgrund von Sparmaßnahmen – waren es oft Frauen, die dann diese Arbeit übernahmen. Bei "social depletion" geht es darum, dass ein persönlicher Ressourcenabbau passiert, weil man weniger Freizeit hat, weniger Zeit, sich zu erholen, der Gesundheitszustand verschlechtert sich. Die Folgen der Krise verlagern sich auf die Privathaushalte und damit auf die konkreten Personen; Frauen, aber natürlich auch Männer. In Griechenland haben vor allem Männer Selbstmord begangen, etwa, weil ihr Unternehmen bankrottgegangen ist.

Wie wirkt sich diese "social depletion" in der Zukunft aus? Die potenzielle Arbeitskraft ist ja erschöpft, und es stellt sich zudem die Frage, ob diese Menschen eine neuerliche Krise aushalten können.

Man spricht über Resilienzstrategien, die Menschen entwickeln. Da ist natürlich die Frage, in welchem Bereich, diese Menschen überhaupt wieder beruflich einsteigen können. Es ist vor allem im öffentlichen Sektor gekürzt worden, und hier sind traditionell überproportional Frauen beschäftigt. In welchen Bereichen können sie, vor allem junge Menschen, überhaupt wieder einsteigen? In Griechenland ist das natürlich ein großes Thema. Es wird sich zeigen, wie diese Problematik in Zukunft ausgeglichen werden kann. Innerfamiliär passiert dies: Wir wissen, dass in Griechenland viele junge Menschen zu ihren Eltern zurückgezogen sind. In Spanien war das aufgrund der starken Jugendarbeitslosigkeit auch der Fall. Entweder man zieht zu seinen Eltern, oder man emigriert ins Ausland.

Früher gab es längere Abstände zwischen Krisen, heute scheint alles schneller zu gehen.

Ja, es gab jetzt alle zehn Jahre immer wieder eine Krise, Ende der 1980er, Ende der 1990er, 2008. Heute, 2018, müssen wir einmal abwarten. Was bringt der Brexit? Was passiert mit den Immobilien im Euroraum? Von der Migrationskrise oder der Umweltkrise ganz zu schweigen.

Eine Zeitlang hat es so ausgesehen, als ob in Europa der  Schulterschluss gegen die Krise gelingt. Nun gewinnen aber immer mehr  Parteien Einfluss,die EU-kritisch sind.

Das sind auch Folgeeffekte von Krisen: Die Menschen fürchten um ihr Hab und Gut, ihre eigene Sicherheit, ihre soziale Sicherheit. Auch in Ländern wie Österreich oder Deutschland. Das führt natürlich oft dazu, dass man eine Sündenbock-Politik betreibt und populistische Parteien gewählt werden.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-09-07 15:41:45
Letzte Änderung am 2018-09-08 14:06:02



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