Der aus Italien stammende Physiker Carlo Rovelli gilt als einer der führenden Experten in den Gebieten der Quantenphysik und dem Phänomen "Zeit". Rovelli ist der Autor einer Reihe von populären Wissenschaftsbüchern (zuletzt "Die Geburt der Wissenschaft: Anaximander und sein Erbe") und erklärt komplexe physikalische Sachverhalte auf packende Weise.

"Wiener Zeitung": Nehmen wir an, wir wären in einem Raum, wo keine Teilchen und keine Energie drin ist. Gibt es in so einem Raum überhaupt Zeit?

Carlo Rovelli: Die scheinbar einfachen Fragen sind die am schwierigsten beantwortbaren. Zuerst einmal: Raum ist nicht nichts. Raum ist etwas. Das ist die große Entdeckung von Albert Einstein. Man muss unterscheiden zwischen einem nichts und dem Raum.

Carlo Rovelli ist theoretischer Physiker, der in Italien, den USA und Frankreich tätig ist. Er ist Autor des Buches: "Die Ordnung der Zeit", 20 Euro, 190 Zeiten, Rowohlt Verlag. Basso Cannarsa
Carlo Rovelli ist theoretischer Physiker, der in Italien, den USA und Frankreich tätig ist. Er ist Autor des Buches: "Die Ordnung der Zeit", 20 Euro, 190 Zeiten, Rowohlt Verlag. Basso Cannarsa

Aber wenn in diesem Raum nichts ist?

Wenn es Raum gibt, dann gibt es ein Gravitationsfeld, denn dieses Gravitationsfeld bildet gewissermaßen den Raum. Und dieses Gravitationsfeld trägt auch Zeit in sich. Raum ist nicht etwas, was einfach das sitzt und nichts tut, sondern Raum passiert.

Nehmen wir an, es gäbe eine Zivilisation auf einem 700 Lichtjahre entfernten Planeten und eine intelligente Lebensform, die mit mächtigen Teleskopen die Erde beobachtet. Diese Zivilisation sieht dann nicht unsere Erde und unsere Städte wie heute, sondern sieht Konstantinopel, Bagdad, Rom, Damaskus oder Peking wie im Jahr 1320. Man kann also in die Vergangenheit blicken. Warum kann man dann eigentlich die Zukunft nicht sehen?

Wir leben eigentlich in der Vergangenheit. Denn es dauert eine Weile, bis etwa reflektiertes Licht auf unsere Netzhaut trifft und dieses Signal dann von unserem Gehirn verarbeitet wird. Wir hinken also genau genommen immer der Gegenwart hinterher. Aber die Frage war ja, warum können wir in die Vergangenheit sehen, aber nicht in die Zukunft? Wir können uns an die Vergangenheit erinnern. An die Zukunft nicht, stimmt’s? Die Vergangenheit ist jene Richtung auf der Zeitachse, wo wir Erinnerungen haben. Es gibt viele komplizierte thermodynamische Gründe dafür, warum die Gegenwart eine Folge der Vergangenheit ist. Aber ich gebe Ihnen ein praktisches Beispiel: Nehmen wir einen Lichtstrahl. Ein Lichtstrahl verbindet zwei Punkte. Und da beginnt nun der Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft: Ein Lichtstrahl, der auf unser Auge trifft, ist ein Lichtstrahl, der sozusagen aus der Vergangenheit kommt. Ein Lichtstrahl, den wir in den Himmel schicken, reist salopp gesagt in die Zukunft.

Wenn ich also die Taschenlampe einschalte und in den Himmel richte, dann schicke ich eine Botschaft an die Zukunft?

Dieser Lichtstrahl ist von demjenigen, der die Taschenlampe einschaltet, eine Verbindung zwischen der Gegenwart und Zukunft. Jener, der den Lichtstrahl erblickt, für den stellt dieser Lichtstrahl eine Verbindung zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit dar. Ein Lichtstrahl verbindet das, was hier passiert mit dem, was dort passiert. Es gibt eine Botschaft.

Glauben Sie dass, dass das Zeit-Empfinden von Tieren sich von jenem von uns unterscheidet?

Ich glaube, dass Tiere die Zeit anders erleben. Das geht ja auch uns Menschen so. Aber wissen ja selbst, dass wir manchmal die Zeit schneller oder langsamer erleben. Eine Stunde, in der man sich langweilt, dauert scheinbar ewig, eine Stunde des Glücks ist scheinbar in einem Wimpernschlag vorbei. Viele Menschen kennen das: Je älter wir werden, umso mehr haben wir das Gefühl, dass die Zeit immer schneller vergeht.

Reden wir über die Schönheit von Zeit. In der Literatur, in der Poesie wird der Zeitpunkt des Verliebens als ein Moment beschrieben, an dem die Zeit für die Liebenden gleichsam stillzustehen scheint.

Ich glaube, Zeit ist keine einfache Sache. Zeit hat viele verschiedene Schichten. Und wir müssen uns all diese verschiedenen Schichten ansehen. Da gibt es für die Physik, Relativitätstheorie, Quantenmechanik, Thermodynamik. Und dann gibt es auch die Neuro-Wissenschaft und Psychologie. Sie haben recht: Wir haben eine emotionale Beziehung zu Zeit. Zeit ist das, was uns das Geschenk unserer Existenz bringt. Zeit ist aber auch das, was uns dieses Geschenk wieder nimmt. Und da spreche ich auch über die besten dieser Geschenke, die Liebe, aber auch das Leben selbst. Zeit bringt uns all das, sie nimmt uns aber auch alles wieder.

In Ihrem Buch "Die Ordnung der Zeit" erwähnen Sie Ludwig Bolzmann. Was hat die Erforschung der Zeit mit Österreich, mit Wien zu tun?

Ludwig Boltzmann ist ein Gigant. Er hat uns das Fenster zum Verständnis der Zeit eröffnet. Der Grund dafür ist sein Verständnis von Thermodynamik. Er hat uns ermöglicht, Entropie zu begreifen. Entropie ist auch das, was Vergangenheit von der Zukunft unterscheidet. Und warum hat "Zeit" mit Wien zu tun? Wien war zu Zeiten Boltzmanns die Welthauptstadt der Erkenntnis. Dort sind die Ideen verschiedenster Wissenschaftsströmungen zusammengeflossen. Die Ideen von Ernst Mach, die Ideen von Erwin Schrödinger.

Die Wissenschaft versteht Materie viel besser als Zeit. Warum ist das so?

Zahlreiche Studien von Materie haben uns gezeigt, dass die Welt viel komplexer ist, als wir geglaubt haben. Zuerst haben wir verstanden, dass die Welt aus Atomen besteht, dann haben wir verstanden, dass Atome aus Protonen, Neutronen und Elektronen bestehen. Aber je genauer wir hingesehen haben, umso mehr mussten wir feststellen, dass alles viel komplizierter ist, als es auf den ersten Blick scheint. Ein Elektron ist teilweise Teilchen, teilweise Welle. Die Welt der Materie wurde immer komplizierter, je mehr wir verstanden haben. Raum und Zeit sind nicht so unterschiedlich wie ein Elektron. Ein Elektron ist ein Feld, das in der Raumzeit existiert. Je genauer man auf unsere Welt blickt, umso komplexer erscheint sie uns.

Sie beschäftigen sich mit dem Phänomen "Zeit". Meine Frage richtet sich nicht an den Physiker, sondern an den Menschen Carlo Rovelli. Nun die Frage: Wie kann man das Beste aus seiner Lebenszeit machen?

Lassen Sie mich über Tiere sprechen - der Mensch ist letztlich ja ein Säugetier. Tiere werden von verschiedensten Dingen angetrieben: Das Tier weiß, es braucht Wasser, Nahrung. Und was ist mit uns? Wenn wir Durst haben, wollen wir Wasser. Wenn wir Hunger haben, brauchen wir Brot. Wenn wir einsam sind, wollen wir einen Gefährten, eine Gefährtin - Liebe. Wenn ich unglücklich bin, will ich von meinen Freunden wahrgenommen werden. Wir haben viele Motive und Antriebe, die sind schon da, die müssen wir gar nicht erst suchen. Und wenn wir keine haben, dann haben wir irgendwo einen Fehler gemacht. Meine Antwort in aller Kürze: Es lohnt sich, darüber nachzudenken, warum man hier ist und was man mit dieser viel zu kurzen Zeit seiner Existenz anfangen will.