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10 Jahre Fair Trade -der richtige Weg?

Von Christine Zeiner

Wirtschaft

Aller Anfang ist schwer: "Wir haben uns gedacht, Fair Trade ist ein derart geniales Konzept, weil man nur sagen muss, dass es das gibt, und alle sind glücklich und machen mit. Aber so wird das nicht gespielt", resümiert Helmut Adam, erster Geschäftsführer der nichtgewinnorientierten Siegelorganisation TransFair (heute Fair Trade). Alternativer und fairer Handel strebt "gerechte Handelsbeziehungen" mit Ländern der "Dritten Welt" an, wobei die Bezahlung eines "fairen" Preises für u.a. Kaffee und Kakao eine zentrale Bedeutung hat.

Als TransFair vor zehn Jahren gegründet wurde, um fair gehandelte Produkte nicht nur im alternativen, sondern auch im konventionellen Handel anbieten zu können, waren die Supermärkte nicht sofort "Feuer und Flamme". Die ersten konventionellen Anbieter von Kaffee mit Siegel waren Adeg, Löwa, Pfeifer (Oberösterreich) und MPreis (Tirol). Die großen Ketten wie Spar und Merkur kamen erst einige Jahre später dazu. Auch die Erwartungen betreffend der Umsätze wurden zunächst enttäuscht. Adam: "Die Produkte sind leise vor sich hinverstaubt. Es hat die Meinung gegeben: Wenn die Waren einmal im Supermarkt sind, gibt es 100.000 Leute, die nur darauf gewartet haben und ganz glücklich sind, weil sie nicht mehr den langen Weg in den Weltladen haben." Ein wirklicher Aufschwung setzte in Folge einer 2001 gestarteten Informationskampagne ein, die zu einem Drittel mit öffentlichen Geldern finanziert wurde. Heute zieht Leon Lenhart, Geschäftsführer von Fair Trade Österreich, Bilanz: "Die Lebenssituation von 49.000 Menschen veränderte sich in diesen zehn Jahren dauerhaft zum Positiven. Wir haben einen Umsatz von 50 Mill. Euro mit Fair Trade-Produkten erzielt, 50 bis 60 Prozent des Volumens in den vergangenen eineinhalb Jahren. Wir sind mittlerweile in 2.700 Geschäften gelistet."

Kritische Stimmen

War die Entscheidung, fair gehandelte Lebensmittel auch im Supermarkt anzubieten, trotz des zähen Starts, die richtige? Mehr Konsumenten - mehr Absatz - bedeutet mehr Produzenten. Dieses Faktum steht außer Frage. Von Beginn an gab es dennoch immer wieder kritische Stimmen. Die Importorganisation für den fairen Handel, EZA3.Welt, und die Betreiber der Weltläden setzen neben dem Anspruch, die Lebenssituation der Bauern und Arbeiter zu verbessern, auf einen weiteren: Bildungsarbeit in den Konsumentenländern. "Der Hauptkritikpunkt mancher Pioniere des Alternativen Handels war: Wenn ich faire Produkte im Supermarkt kaufe, werde ich nicht über die Hintergründe, über die Situation am Weltmarkt aufgeklärt. Es gibt nur den minimalen Erklärungstext am Kaffeepackerl. Im Weltladen hingegen werde ich beraten und informiert. Oft kommen Schulklassen. Da leisten wir Bildungsarbeit", sagt Ernst Gassner, Obmann der Arbeitsgemeinschaft Weltläden im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

In Hinblick auf die höhere Zahl an Produzenten, die vom Verkauf in den Supermärkten profitieren würden, versuchte der Vorstand der Weltläden die Kritiker vom Gang in die Supermärkte zu überzeugen. Lenhart kommentiert: "Die faire Banane zum Beispiel wäre in den Weltläden nie angeboten worden, das wäre von der Logistik her gesehen nicht möglich gewesen."

"Bittere Orangen"

1997 starteten Nichtregierungsorganisationen, darunter TransFair, die Kampagne "Bittere Orangen" mit Broschüren, Plakaten und öffentlichen Diskussionen, um auf die Problematik der Kinderarbeit auf brasilianischen Orangenplantagen aufmerksam zu machen. Die Fruchtsaftindustrie löste das Problem auf ihre Weise: Kinder verloren ihren Arbeitsplatz, Familieneinkommen sanken. Manche arbeiteten statt auf Orangenfeldern auf anderen Plantagen. "Das, was plakativ angegriffen worden ist, wurde zwar beseitigt, das Problem an sich nicht", erinnert sich Adam. Um die Einführung von Mindestlöhnen und sozialrechtlichen Standards kümmerte sich die Saftindustrie nicht - im Gegensatz zu den Produzenten von fairem Orangensaft. Einer davon ist das österreichische Familienunternehmen Pfanner. Pfanner vertreibt neben seinen herkömmlichen Produkten auch Fair Trade-Saft. "Der Handel - Rewe-Deutschland - hat uns darauf aufmerksam gemacht. So haben wir eine gewisse Absatzmenge gesichert gesehen und mitgemacht. Das Nischeninteresse an fairen Produkten ist da. Der eine denkt halt: Hier kauf ich bewusst ein fair gehandeltes Produkt, ein anderer denkt: Das leiste ich mir nicht. Pfanner wollte einen Akzent setzten", berichtet Marie-Luise Dietrich von der Pfanner-Marketingabteilung. Pfanner sei die Berücksichtigung sozialer und menschlicher Aspekte wichtig. Man könne die Welt nur mit kleinen Schritten verbessern - es sei unmöglich, die gesamte Produktion umzustellen. "Wir haben auch eine Verantwortung unseren Mitarbeitern gegenüber. Wenn nur wir umstellen, ändert das nichts im Allgemeinen und für uns wäre das kaufmännisch nicht vernünftig", so Dietrich.

Feigenblatt Fair Trade?

Fair Trade bietet laut Andreas Novy von der Wirtschaftsuniversität Wien für liberale Wirtschaftspolitiker und Konzerne die Möglichkeit, "noch effizienter als mit Wohltätigkeitsveranstaltungen so zu tun, als würden sie ein soziales Gewissen haben."

Nicole Berkmann von Spar hingegen erklärt: "Der Fair Trade-Bereich ist klein, aber deutlich. Unser Sortiment wird laufend erweitert. Wichtig ist, dass wir das tun. Was wir uns im Hintergrund denken, ist eigentlich wurscht. Dadurch, dass wir das anbieten, geben wir der Idee einen Schub." Die Fair Trade-Produkte seien teurer, was manche Kunden vom Kauf abhält. Weshalb greifen Konsumenten dann zu manch anderen hochpreisigen Markenwaren? "Dafür zahlen die Kunden halt mehr - warum? Das fällt unter Konsumentenpsychologie", sagt Berkmann. Novy meint, Konzerne und Unternehmen würden die Verantwortung auf die Konsumenten abwälzen: "Werden die Produkte nicht gekauft, wird ihnen die Schuld der niedrigen Weltmarktpreise zugeschoben: Die schlechten Preise für die Bauern sind das Ergebnis, weil die Konsumenten nicht bereit sind, mehr zu zahlen." Er vertritt die Ansicht, dass der Einkauf in einem Weltladen von einer "anderen Qualität" ist. Hier sind Gespräche über Weltmarkt und Handel möglich. Einer Organisation, die mit Unternehmen zusammenarbeitet und Subventionen von Staat und EU erhält, wird es schwerfallen, Handel und Politik zu kritisieren. "Es gibt ein Sprichwort: Schlag nicht auf die Hand, von der du etwas bekommst. Unser Weg ist es, im Gespräch zu bleiben", berichtet Lenhart.

Man kann sich die Frage stellen, ob das einstige Prinzip des fairen Handels, Informationsarbeit in den Konsumentenländern zu betreiben, heute weniger bedeutend ist. In erster Linie scheint es wichtig, dass fair gehandelte Waren überhaupt gekauft werden. Ohne Aufklärungsarbeit, ohne ein Engagement, dass über den Kauf von fairen Produkten hinausgeht, wird sich an der derzeitigen Marktsituation wohl nichts ändern - es sei denn, sämtliche KonsumentInnen greifen nur noch zu Fair Trade-Waren. Andrea Reitinger, bei EZA3.Welt für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, betont: "Die faire Kaufentscheidung soll kein Ruhekissen sein." Fair Trade-Produkte zu kaufen, und sich anschließend beruhigt zurückzulehen, sei zu wenig. Adam gibt an, Fair Trade sei dazu da, Kooperationen mit der Wirtschaft zu schließen - "die Kritik kann durchaus jemand anderer übernehmen, das ist eine sinnvolle Arbeitsteilung." Als Beispiel nennt er Kampagnen der Weltläden, wie die Postkartenaktion "Kein Patent auf Reis" an Minister Martin Bartenstein im Vorfeld der WTO-Konferenz in Cancún.

Internationale Politik gefragt

Das Thema des fairen Handels müsste sich nach Ansicht Adams letztlich auf einer anderen Ebene abspielen: "Internationale Rohstoffabkommen zu etablieren, wie sie etwa die Kaffeeabkommen waren, wäre ein richtiger Schritt." Im Sinne internationaler Fairness sei es auch angebracht, Menschen im Süden die Chance zu geben, Wertschöpfung im Land zu behalten. So hätten sich die Industrienationen im Bereich Veredelung abgeschottet: Kaffee etwa wird nicht in den Ursprungsländern geröstet, Kakao nicht in den Herkunftsorten zu Pulver verarbeitet.

Als weiteren Punkt spricht Adam das Vorgehen der USA und EU-Staaten an, Agrarüberschüsse am Weltmarkt zu "Dumpingpreisen" abzusetzen: "Die EU ist der größte Zuckerexporteur der Welt. Wenn wir um ein paar Tonnen weniger produzieren, würde bei uns die Welt nicht untergehen - und die Länder im Süden hätten etwas davon." Fair Trade sei schon heute ein funktionierendes Beispiel dafür, wie "Nord-Süd-Handel" funktionieren könnte. "Die Gewerkschaften erkämpften bei uns Rechte, die heute außer Streit stehen. Keiner diskutiert mehr über Mindestpreise. Es geht darum, die Rahmenbedingungen in der Wirtschaft zu ändern, Fair Trade kann dabei ein Motor sein."

Stichwort TransFair/Fair Trade

Auf Initiative der alternativen Fachgeschäfte (Weltläden) und der Importgesellschaft für den fairen Handel, EZA3.Welt, wurde 1993 TransFair (seit 2003 Fair Trade) in Österreich nach internationalen Vorbildern gegründet. Ziel war es, fair gehandelte Produkte auch im Supermarkt und nicht nur in alternativen Geschäften zu verkaufen: "Die Produkte sind durch das Siegel sofort erkenn- und unterscheidbar", erklärt Andrea Reitinger von der EZA3.Welt. Die nichtgewinnorientierte Organisation Fair Trade zertifiziert die Produkte und führt unabhängige Kontrollen durch.

Garantierte Mindestpreise, langfristige Handelsbeziehungen, das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit sowie die Förderung von Bauernkooperativen sind einige Garantien des fairen Handels. Die Organisation finanziert sich aus den Lizenzgebühren für die Nutzung des Siegels, den Vereinmitgliedsbeträgen sowie Zuschüssen von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen.