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125 Jahre und ein bisschen leiser

Von WZ-Korrespondent Ulrich Glauber

Wirtschaft

Fast eine Milliarde Autos rollen weltweit. | Jahresproduktion bald 90 Millionen. | Frankfurt. Keine technische Errungenschaft vor dem Anbruch des IT-Zeitalters hat das Leben so vieler Menschen verändert wie das Automobil. Doch gerade der Erfolg des Autos macht an seinem 125. Geburtstag das Nachdenken über seine Zukunft im "nachfossilen Zeitalter" erforderlich.


Der Antrag Nummer 37435 hatte es in sich: Am 29. Januar 1886 meldete ein Ingenieur namens Karl Benz aus Mannheim sein "Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb" beim kaiserlichen Patentamt des Deutschen Reiches zum Patent an. Das Datum gilt als Geburtsstunde des Automobils. Jedenfalls hat die dreirädrige Kutsche mit Hilfsmotor am Anfang einer Entwicklung gestanden, die Gesellschaft, Wirtschaft und Industrie revolutionierte: Nach Recherchen des Magazins "auto motor und sport" wurden seit der Patentanmeldung 1886 bis zum 31. Dezember 2010 weltweit genau 2 Milliarden, 485 Millionen, 41 Tausend und 881 Automobile hergestellt. Fast eine Milliarde Personenwagen, Busse und Lastwagen rollen derzeit auf dem Globus. Heuer kommen mehr als 60 Millionen neu dazu, ab 2015 werden dann jährlich mehr als 90 Millionen Autos gebaut. Laut Angaben der Organisation Internationale des Constructeur dAutomobiles (OICA) sind weltweit fast zehn Millionen Menschen bei den Autobauern und ihren Zulieferern beschäftigt.

Ud noch immer sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO in jedem Jahr 1,2 Millionen Menschen an den Folgen von Autounfällen.

Autos am Fließband

In wirtschaftlichen Boom-Zeiten haben Erfolgsmodelle eine beispiellose Erfolgsgeschichte geschrieben - und damit selbst zum Wirtschaftsaufschwung beigetragen. Der für die breite Masse erschwingliche Volkswagen "Käfer" wurde in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zum Symbol des westdeutschen Wirtschaftswunders. Mit 21,5 Millionen Exemplaren war der "Beetle" das meistverkaufte Auto aller Zeiten, bis er 2003 vom VW-Golf in dieser Rolle abgelöst wurde.

Das US-Erfolgsmodell der 20er Jahre steht noch für einen anderen Umbruch. Vom Modell Ford T wurden weltweit 15 Millionen Stück verkauft - der Rekord bis 1972. Der US-Unternehmer Henry Ford hatte zu Herstellung der "Tin Lizzy" 1910 das Fließband in seinen Werken eingeführt, das dann über Jahrzehnte den Arbeitsalltag auch in anderen Industriebranchen erfüllte.

Zur Rationalisierung wurde später das Baukastenprinzip eingeführt, das die Entwicklung ein- und desselben Fahrzeugmodells für eine Reihe verschiedener Modelle erlaubt. "Kaizen" - die japanische Bezeichnung für schlanke und effektive Arbeitabläufe, auf die alle Mitarbeiter eingeschworen werden - wurde zum geflügelten Wort auch in den Automobilfabriken außerhalb Ostasiens, bevor Roboter in den Fertigungshallen für eine Stagnation bei den Arbeitsplätzen trotz Produktionszuwachses sorgten.

Zweifel am Elektro-Hype

Etwas leiser wird das Loblied auf das Auto als Garant von Mobilität und Freiheit gesungen, wenn die Auswirkungen der Massen-Automobilisierung auf die Umwelt in den Blick geraten. Zwar werden Leichtbau und effizientere Motoren zur Verringerung der Luftverschmutzung beitragen - doch die gegenläufigen Tendenz, die zunehmende Motorisierung in den Schwellenländern wie China und Indien bei knapper werdenden Ölvorräten, macht es wohl notwendig, die Zukunft des Autos neu zu denken.

Dem derzeitigen Hype der Elektromobilität stehen manche Experten - wie der Zürcher ETH-Professor Lino Guzella - allerdings skeptisch gegenüber: "Benzin und Diesel haben eben eine außerordentlich hohe Energiedichte, die sie mit Batterien niemals erreichen können", argumentiert er und sieht auf lange Sicht keine andere Möglichkeit, als Spritverbrauch und Gewicht noch weiter drastisch zu senken.

Noch haben das die Autokäufer nicht verstanden: Das Drei-Liter-Auto VW Lupo 3L floppte in den späten 1990er Jahren, die Spritfresser vom Typ Luxusgeländewagen erfreuen sich dagegen weltweit steigender Beliebtheit.