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1333 Jahre unversöhnlicher Hass zwischen Sunniten und Schiiten

Von Clemens M. Hutter

Gastkommentare
Clemens M. Hutter war Ressortchef Ausland der "Salzburger Nachrichten".

Politisch motivierte Gewalttaten im Irak verweisen auf die unentschiedene Frage, wer das religiöse Erbe Mohammeds rechtens vertritt.


Dem Terror zwischen den irakischen Muslimen erlagen heuer mehr als 3000 Menschen, erst am Montag starben 18 Menschen bei Anschlägen. Die Opfer sind vorwiegend Schiiten, denen rund 15 Prozent von weltweit 1,5 Milliarden Muslimen angehören, im Irak jedoch zwei Drittel der Bevölkerung. Daher stellen die Schiiten auch die Regierung. Dagegen opponieren die von Al-Kaida unterwanderten Sunniten, die während der Diktatur Saddam Husseins die Schiiten unterdrückt haben - vor allem während des irakisch-iranischen Krieges 1980 bis 1988. Saddam beschuldigte die Schiiten, mit dem schiitischen Iran gemeinsame Sache gegen Bagdad zu machen. Jetzt versuchen radikalisierte Sunniten, das politisch labile Gefüge unterschiedlicher Ethnien zu Fall zu bringen.

Den politischen Terror motiviert der seit 1333 Jahren schwelende unstillbare Hass zwischen Sunniten und Schiiten, die einander für "Abtrünnige" halten. 680 erlitten die Anhänger Alis, des "Stellvertreters Allahs", in Schlacht von Kerbala eine vernichtende Niederlage gegen die Armee des Kalifen, des "Stellvertreters Mohammeds".

Der Prophet hatte vor seinem Tod 632 keinen Nachfolger bestimmt. Die Gläubigen hielten seinen Lieblingscousin Ali für den legitimen Führer, weil er Fatima geheiratet hatte, Mohammeds einziges Kind. Während Ali seines Amtes waltete, wählten Mohammeds Weggefährten heimlich Abu Bakr, den Vater von Mohammeds Lieblingsfrau Aischa, zum Kalifen. Ali fand sich damit ab.

Die beiden Amtsnachfolger Abu Bakrs wurden ermordet, der dritte ließ 661 Ali und kurz darauf dessen Sohn Hassan ermorden. Da ließ es Alis zweiter Sohn Hussein auf die Kraftprobe mit dem Kalifen ankommen, auf die verlorene Schlacht in Kerbala. Die Anhänger Alis ("Schiat Ali" = Schiiten) beharren trotzdem darauf, dass nur ein Nachkomme Mohammeds "Stellvertreter Allahs" sein könne.

Im Gegensatz zu den Sunniten ("Sunna" = Brauch) hatten die Schiiten eine religiöse Hierarchie, an deren Spitze der Imam steht, der religiöse und politische Führer, den Allah mit prophetischen Eigenschaften ausgestattet hat. Er allein ist befugt, den Koran verbindlich auszulegen. Der zwölfte Imam aus dem Haus Mohammed, Mahdi, zog sich allerdings in die "Verborgenheit" zurück. Von dort soll er irgendwann als Messias hervortreten, um alle Welt zu Allahs reiner Lehre zu bekehren.

Das terroristische Muster der irakischen Sunniten verrät die politische Stoßrichtung: Bombenanschläge gegen schiitische Heiligtümer, auf schiitische Pilgerzüge und in Wohnvierteln der Schiiten. Diese Entwicklung droht in einen Bürgerkrieg abzugleiten - mit ersten Folgen für die gesamte Region. Immerhin fördert die irakische Regierung die Waffenhilfe des Iran an Syriens Machthaber Bashar al-Assad, den auch die schiitische Hisbollah ("Partei Gottes") aus dem Libanon unterstützt. Damit rücken die sunnitischen Regimes in Saudi-Arabien und Katar ins Bild, die Assads Gegner aufrüsten und notfalls die irakischen Sunniten nicht einem ungewissen Schicksal überlassen würden.