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1,5 Millionen Afghanen demnächst auf der Flucht

Von Rainer Mayerhofer

Politik

Wien - Die derzeitige Lage rund um Afghanistan werde dazu führen, dass in nächster Zeit noch einmal 1,5 Millionen Afghanen ihr Land verlassen. Weitere 500.000 werden innerhalb Afghanistans bleiben, aber von ihren Heimatorten vertrieben werden. Diese pessimistische Einschätzung traf der stellvertretende Leiter des Wiener UNHCR-Büros, Beat Schuler, Mittwoch im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".


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Schuler rechnet damit, dass etwa eine Million Afghanen nach Pakistan flüchten werden, wo schon derzeit rund 2 Millionen afghanische Flüchtlinge in Lagern leben und nach Angaben der pakistanischen Regierung eine weitere Million im Laufe der letzten 20 Jahre in die Gesellschaft integriert wurde. Etwa 400.000 werden Zuflucht im Iran finden, wo es derzeit bereits rund eine Million afghanische Flüchtlinge gibt. Die restlichen 100.000 werden in die angrenzenden Staaten der ehemaligen Sowjetunion - Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan - flüchten.

Die afghanischen Flüchtlinge, die jetzt ihr Land verlassen, zählen zu den ärmsten in der Bevölkerung und sie werden wohl in der Region bleiben, da sie gar nicht die Mittel für eine weitere Flucht haben, meint Schuler, der darauf hinweist, dass jene afghanischen Flüchtlinge, die in den letzten zehn Jahren nach Europa gekommen sind - insgesamt 149.600 - zum überwiegenden Teil der intellektuellen Schicht zuzurechnen sind. Das sind Ärzte und Intellektuelle, die zuerst nach Pakistan geflüchtet sind und dort angesichts der Ausbreitung fundamentalistisch-islamischer Strömungen im Norden des Landes einen Weg in die westliche Welt gesucht haben, sagt Schuler.

In Pakistan leben die afghanischen Flüchtlinge in rund 150 Lagern. In den nächsten Tagen sollen weitere mit einer Aufnahmekapazität von 100.000 Plätzen entstehen. Über die Lage in Afghanistan selbst sei es derzeit schwierig, eine Einschätzung abzugeben, da die Taliban die Kommunikationseinrichtungen der Flüchtlingsorganisation beschlagnahmt oder zerstört haben und die UNO-Organisationen ihr Personal aus dem Land haben abziehen müssen.

Schuler weist darauf hin, dass vor einigen Tagen 20.000 Flüchtlinge auf dem Weg in die pakistanische Stadt Quetta waren, der Flüchtlingszug die Grenze aber nicht passieren durfte. Die Grenze nach Pakistan ist offiziell geschlossen, sei aber porös und es kämen immer wieder kleinere Gruppen durch. Der UNHCR habe 75 neue Plätze für neue Flüchtlingslager überprüft und 43 davon für geeignet befunden. Auf den ersten beiden davon werden schon sanitäre Installationen durchgeführt.

Die Kosten für die Unterbringung und Betreuung der neuen Flüchtlinge werden von der UNO-Flüchtlingsorganisation auf 286 Millionen Dollar geschätzt (eine eher geringe Summe, wenn man berechnet, dass etwa ein Tag High-Tech-Krieg wie im Kosovo 100 Millionen Dollar verschlingt, Anm. RM). 28 davon waren bis Mittwoch zugesagt, davon eine Million aus Österreich. Innenminister Strasser habe in einem Gespräch am Dienstag Abend diese Hilfe, die von der Bundesregierung beschlossen wurde, den Flüchtlingsorganisationen bekanntgegeben. Schuler findet es sehr erfreulich, dass Österreich der "humanistischen Koalition" beigetreten ist, zumal die unbedachten Aussagen eines Landeshauptmann zur Flüchtlingsfrage dem guten Ruf Österreichs international geschadet hätten. In dieser bewegten Zeit solle man keine Versuche unternehmen, die Genfer Flüchtlingskonvention, die eine Magna Charta der internationalen Flüchtlingspolitik ist, in Frage zu stellen. Schuler wies darauf hin, dass es schon jetzt terroristische oder kriminelle Taten Ausschlussgründe für die Erlangung des Flüchtlingsstatus sind.

UNHCR-Spendenkonto: 09583600300/CA 11.000 - Afghanistan