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17. Februar 2012

Von Anita Ericson

Wissen

Stellen Sie sich für einen Augenblick einmal vor, es gäbe keinen Kalender. Sie würden glatt Ihren eigenen Geburtstag versäumen.


Vor exakt 48 Tagen hat das Jahr 2012 begonnen. Das ist uns allen selbstverständlich, obwohl es im Grunde genommen wenig logisch ist, dass das Jahr mitten im Winter beginnt!

Eigentlich, so müsste man meinen, läge es auf der Hand, das neue Jahr im Frühling zu begrüßen, wenn auch die Natur erwacht - so wie es in archaischen Kulturen üblich war (und ist). Aber nein, ausgerechnet der 1. Jänner muss es sein, der heute den ersten Tag im neuen Jahr markiert. Das hat möglicherweise einen militärischen Hintergrund: Weil die alten Römer in Spanien Krieg führen wollten, verlegten sie die Feiern zum Jahreswechsel kurzerhand zwei Monate vor. So konnten auch die Obersten rechtzeitig zur Kampfsaison im März vor Ort sein - vermuten manche Wissenschafter. Andere wiederum wollen herausgefunden haben, dass sich der 1. Jänner erst im Laufe des Mittelalters bei uns als Jahresanfang durchsetzte.

Cäsars Kalender

Wie auch immer, gesichert ist, dass Julius Cäsar einen Kalender auf die Beine stellte, der das Fundament unserer modernen Zeitrechnung ist. Mit Hilfe ägyptischer Astronomen ließ er das Jahr so einteilen, wie wir es heute noch tun: in zwölf Monate mit alternierenden Längen von 30 bzw. 31 Tagen mit einem exeptionellen Februar, der für den Ausgleich zuständig ist. Denn: Wie man es auch dreht und wendet, ohne Schalttage, die hin und wieder eingeschoben werden, würden sich im Laufe der Jahrhunderte die Saisonen verschieben. Das Sonnenjahr, also jener Zeitraum, den die Erde braucht, um sich einmal um die Sonne zu drehen, und das die Basis unseres Kalenders ist, ist nämlich exakt 365,2422 Tage lang - unser Kalender ist also zu kurz. Nachdem es unmöglich ist, jedes Jahr einen Vierteltag hinzuzuzählen, schiebt man statt dessen jedes vierte Jahr einen ganzen Tag ein und alles ist wieder im Lot.

Na ja, fast. Man braucht kein mathematisches Genie zu sein, um zu bemerken, dass dank der Schaltregelung das Durchschnittsjahr nun 365,25 Tage lang ist, also um einen Tick zu lange. Dieser scheinbare Augenblick summiert sich über die Jahrtausende zu bemerkenswerten Verschiebungen. So hatte sich die Differenz von der Einführung des Julianischen Kalenders im Jahr 45 vor Christus bis zur nächsten großen Reform im Jahr 1582 auf elf Tage angewachsen - hätte man es dabei belassen, würde heuer der Frühling bereits am 8. März beginnen. Doch Papst Gregor XIII. ließ den Kalender korrigieren, indem er die Tage zwischen 4. und 15. Oktober einmal ausfallen ließ. Damit so etwas in Zukunft nicht mehr notwendig ist, wurden in weiser Voraussicht neue Schaltregeln definiert: Es wird weiterhin jedes vierte Jahr ein Schalttag eingeschoben, der allerdings alle hundert Jahre einmal entfällt wie z. B. 2100. Von dieser Ausnahme gibt es noch eine Ausnahme: Ist das Jahr durch vierhundert teilbar, also jedes vierte Hunderterjahr, erhält es sehr wohl einen Schalttag wie z.B. 2000. Mit dieser Regelung kommt man gut 3000 Jahre über die Runden, bevor sich erneut eine Verschiebung um rund einen Tag ergibt.

Dieser Gregorianische Kalender ist heute quasi der offizielle Weltkalender, sodass überall das gleiche Datum gilt. Für uns hat der Kalender höchst praktischen Wert, ohne ihn wüssten wir beispielsweise nicht, wie alt wir sind, täten uns schwer,Verabredungen zu treffen, und hätten auch sonst arge Probleme, mittel- und längerfristig zu planen.

Ursprünglich standen Kalender stark in sakralem Kontext, sie sind dem Bedürfnis entsprungen, zyklische Naturerscheinungen zu datieren und die religiösen Fest danach auszurichten. Daher gibt es neben dem eigentlich römisch-katholischen Gregorianischen Kalender noch eine Reihe weiterer Kalender, die in unterschiedlichen Kulturen im spirituellen Zusammenhang verwendet werden.

Etwa den orthodoxen Kalender, der 1924 für die orthodoxen Kirchen mit Ausnahme von Russland eingeführt wurde. Letzteres blieb aus politischen Gründen beim Julianischen, weswegen Weihnachten in Russland heute an unserem 6./7. Jänner gefeiert wird - was dem julianischen 24./25. Dezember entspricht.

Auch der orthodoxe Kalender richtet sich nach der Sonne, allerdings sind die Schaltregeln anders definiert, er ist noch genauer als der Gregorianische - es dauerte gut 30.000 Jahre bevor sich die Verschiebung auf einen ganzen Tag summiert.

Sonne oder Mond

Freilich gibt es auch Kalendersysteme, die sich gar nicht nach der Sonne richten - sie basieren zumeist auf den Zyklen des Mondes. Es sind dies die älteren und weniger praktikablen Modelle. Älter deswegen, weil es einfacher ist, die Mondphase zu bestimmen als den Sonnenstand. Das ist nachvollziehbar: Ein Voll- oder Neumond lässt sich ansatzweise mit bloßem Auge erkennen, ein Sonnenhöchststand hingegen ist nur mit Instrumenten messbar. Die frühen Menschen hatten noch keine Hilfsmittel, also orientierten sie sich am Mond. Das ist auch der Grund, warum die meisten religiösen Feste in lunarem Bezug stehen, da ihre Wurzeln in grauer Vorzeit liegen. Das ist auch im Christentum so, dessen bewegliche Feiertage, allen voran unser allerhöchstes Fest Ostern, nach dem Mond datiert werden.

Eine Mondphase hat im Schnitt 29,53 Tage, so werden die Mondmonate meistens abwechselnd mit 29 respektive 30 Tagen (plus allfälliger Schalttage ca. jedes dritte Jahr) gezählt - was auf ein Jahr gerechnet eine Differenz zum Sonnenjahr von minus elf Tagen ergibt. Der Mondkalender steht damit, im Gegensatz zum Sonnenkalender, in keinem Bezug zu den Jahreszeiten, was für den Alltag wenig praktisch ist. Lebten wir etwa nach dem Mondkalender, der einen Zyklus von 354 Tagen umfasst, müssten wir uns jedes Jahr um elf Tage umstellen - sprich in drei Jahren wäre dann nicht mehr im März Frühlingsbeginn sondern schon im Februar. Daher sind Lunarkalender heutzutage fast ausschließlich in religiöser Verwendung.

Beispielsweise der islamische Kalender, der im neunten Mondmonat ein Fastenmonat, den Ramadan, vorschreibt, der mit dem hohen Fest zum Fastenbrechen beschlossen wird. Heuer fällt der Beginn des Festes auf den gregorianischen 19. August, nächstes Jahr bereits auf den 8. August - bis es wieder auf den 19. fällt, müssen rund 33 Jahre vergehen. In weltlichen Dingen ist natürlich auch in islamischen Ländern unser Kalender im Einsatz, doch daneben werden die Jahre auch in Mondjahren ab Mohammeds Auswanderung aus Medina gezählt: Muslime haben heute den 24. 3.

(Rabi al awwal) 1433 am Kalender stehen.

24. Shevat 5772 wiederum lesen Juden heute als Datum. Auch ihr Kalender richtet sich nach dem Mond und wird mit Schalttagen, die alle paar Jahre eingeschoben werden, so korrigiert, dass er dem tatsächlichen lunaren Zyklus entspricht. Zusätzlich jedoch, und hier wird die Sache ein klein wenig kompliziert, bezieht der jüdische Kalender auch das Sonnenjahr mit ein. Damit es nicht zu einer wie oben beschriebenen Jahreszeitenverschiebung kommt, werden im jüdischen System auch Schaltmonate eingeschoben, die Mond- und Sonnenzyklus in Einklang bringen. Zu diesem Zweck wird in einem Zeitraum von 19 Jahren sieben Mal ein Monat mit dreißig Tagen in den Kalender gezwickt. Das jüdische Jahr beginnt im übrigen im Herbst mit dem 7. Tag des Monats Tschiri, die jüdische Zeitrechnung zählt ab der biblischen Schöpfung der Welt, für welche das Jahr 3761 v. Chr. eruiert wurde.

Der jüdische Kalender zählt zu den lunisolaren Kalendersystemen, wie sie auch im Fernen Osten verbreitet sind. Für die Buddhisten von großer Bedeutung ist der thailändische Mondkalender, der bis 1888 in Siam offiziell in Gebrauch war. Auch hier wird mit Schalttagen und -monaten Sonnen- und Mondzyklus abgeglichen. Die meisten buddhistischen Festtage werden nach dem Mond datiert, das Neujahrsfest Songkran ist jedoch fix auf den 13.-15. April festgelegt - es war ursprünglich die Feier zur Frühjahrstagundnachtgleiche. Selbstverständlich gibt es in Asien auch noch andere rituelle Lunarkalender, die je nach Region und Glaubensrichtung zum Einsatz kommen.

Am wichtigsten darunter ist der Chinesische Kalender, der neben Mondphasen und Sonnenstand auch noch astronomische Ereignisse berücksichtigt. Er wird auch nicht über arithmetische Regeln errechnet, sondern über Himmelserscheinungen festgelegt. Er ist in ganz Ostasien verbreitet und definiert auch den Jahresanfang des Chinesischen Neuen Jahres, das auf den zweiten (manchmal dritten) Neumond nach der Wintersonnenwende fällt. Heuer war das der 23. Jänner, der das Jahr des Drachen einläutete. Einen chinesischen Kalender in seiner kompletten Systematik zu verstehen, die neben den einfachen Jahreszählungen auch noch lange Zyklen umfasst und sehr stark mit den Sternbildern verbunden ist, erfordert eingehendes Studium.

Weltuntergang 2012?

Ähnlich undurchsichtig wird die Sache, wenn wir nach Lateinamerika blicken, zum heuer mit Sicherheit meistdiskutierten Kalender: zum Maya-Kalender, der uns ja bekanntlich einen Weltuntergang knapp vor Weihnachten eben dann doch nicht prophezeiht - naturgemäß widersprechen sich hier Esoteriker, die davon überzeugt sind, auch weil sich just heuer besondere Planetenkonstellationen ergeben, und Wissenschafter, die das für blanken Unsinn halten.

Bleiben wir bei den Fakten. Die Maya benutzten verschiedene Systeme, zum einen den zivilen, solaren Haab-Kalender, der mit 365 Tagen unserem Jahr ensprach. Zum anderen den rituellen Tzolkin-Kalender, von dem man bis heute nicht weiß, welchen (möglicherweise astronomen) Strukturen der 13-mal-20-Tages-Zyklus folgt. Zum Dritten, und dieses ist für die Weltuntergangstheorie interessant, führten die Maya eine lange Zählung mit einem 360-Tage-Rhythmus, die sie für ihre astronomischen Berechnungen und ihre Geschichtsschreibung einsetzten. Grob gesprochen zählten sie in fünf Stellenwerten in einem leicht variierten Zwanzigersystem und setzten den Tag ihrer Schöpfung als 13.0.0.0.0 fest (ca. 3114 v. Chr.), um von da an loszuzählen. Nun wiederholt sich zum ersten Mal seit dieser langen Zählung diese Zahl am 21. Dezember 2012, womit ein Zyklus zu Ende geht - soweit zur Weltuntergangstheorie. Nicht allzu überzeugend, um sich da wirklich drauf zu verlassen, oder?

Artikel erschienen am 17. Februar 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 4-8