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17 Millionen Tweets pro Tag

Von David Ignatius

Analysen
Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Laut einer Studie unterscheiden sich die Wünsche der Bürger im Nahen Osten nicht von denen im Westen: Gerechtigkeit, Freiheit, Wohlstand.


Der Arabische Frühling mag heute wie eine ferne Erinnerung erscheinen, ein neuer Bericht arabischer und US-amerikanischer Analysten kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass sich die Menschen im Nahen Osten noch immer nach besseren Regierungen und besserer Rechtsstaatlichkeit sehnen -wie vor sechs Jahren die Demonstranten in Kairo.

Dass die Menschen auf dieser Vision beharren, sollte man sich in einer Zeit vor Augen halten, in der US-Präsident Donald Trump das bedrohliche Bild des islamsichen Extremismus immer wieder beschwört.

Dieser Bericht erinnert daran, dass die meisten Bürger in Nahoststaaten mit muslimischer Mehrheit dasselbe wollen wie US-Bürger: Gerechtigkeit, Würde, Freiheit und Wohlstand.

Genau vor sechs Jahren stürzten Demonstranten das Regime des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak - der Höhepunkt des arabischen Aufstands. Die Entwicklung erweist sich für die Araber seither aber meist als verheerend: Bürgerkriege in Libyen, Syrien und im Jemen und der Aufstieg der Terrormiliz Islamischer Staat. Dennoch halten die Araber am Wunsch nach besseren Regierungen fest, wie die von vier arabischen und drei US-amerikanischen Autoren durchgeführte Studie der Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden erhoben hat.

In einer im Zuge der Studie durchgeführten Befragung von 103 prominenten Arabern wurden autoritäre Regierungssysteme und Korruption als die zwei größten Probleme der Region genannt, von 65 Prozent und 48 Prozent der Teilnehmer - wichtiger als Terror, Konfessionskämpfe und andere Sicherheitsfragen.

Auch das "Arabische Barometer", eine Umfrage, durchgeführt alle zwei Jahre in fünfzehn arabischen Staaten, wird in dem Carnegie-Bericht zitiert - auch hier wurden der Wunsch nach besseren, freieren politischen Systemen sowie die Themen Korruption und Wirtschaft als die wichtigsten Probleme definiert.

Das Internet hat die arabische Welt mehr verändert, als im Westen bewusst ist. Laut Carnegie-Bericht verbringen Araber mehr als fünf Stunden täglich online. Die Bürger Saudi-Arabiens schauten 2014 pro Kopf am meisten YouTube-Videos weltweit. 2014 kamen 17 Millionen Tweets pro Tag aus dem arabischen Raum. Dank Internet fühlen sich arabische Bürger miteinander und der Welt verbunden. Sie wollen Menschenrechte, auch das Recht, ihre Regierungen zu kritisieren. Dieser leidenschaftliche Wunsch nach besseren Regierungen ist vor dem Hintergrund der desolaten Verhältnisse besonders wichtig. Es sei kaum möglich, das Ausmaß der Katastrophe zu übertreiben, das der arabischen Welt seit Februar 2011 widerfährt, merkt der Bericht an. 2015 waren 143 Millionen Araber von Krieg oder Okkupation betroffen. Araber machen nur fünf Prozent der Weltbevölkerung aus, aber die Hälfte aller Flüchtlinge.

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass der Weg zu besserem Regieren in Pluralismus verankert sein muss: Die "erstickende Gleichförmigkeit" habe zur Stagnation im arabischen Raum beigetragen. Diese Selbstkritik prominenter arabischer Analysten ist ein Ausgangspunkt für Veränderungen.

Übersetzung: Hilde Weiss