1848 - vergessen und verdrängt

Von Walter Hämmerle

Politik
Der hohe Blutzoll ist vielen heute nicht mehr bewusst.
© Wien Museum

Revolutionshistoriker Wolfgang Häusler über die Erinnerungskultur an ein Wendejahr der österreichischen Geschichte.


Am 13. März 1848 erreichte die Revolution Wien. Anfangs noch eine bürgerliche Reformbewegung, entwickelten sich die Proteste durch den brutalen Einsatz des Militärs zu einer Revolution, die am Ende niedergeschlagen wurde. Obwohl heute oft vergessen und vernachlässigt, erfolgten damals Weichenstellungen, die bis heute wirken. Die "Wiener Zeitung" sprach zum Anlass des 175. Jahrestags der Ereignisse mit Wolfgang Häusler (76), dem eminenten Historiker dieser Epoche.

"Wiener Zeitung": Die Revolution von 1848, die sich in mehreren Schritten vollzog, ist kaum im kollektiven Gedächtnis Österreichs verankert. Was waren die zentralen Errungenschaften, die bis heute nachwirken?

Wolfgang Häusler: Die Errungenschaften der Tage vom 13. bis zum 15. März, die durch die Kundgebung von Bürgern, Studenten und Arbeitern vor dem Niederösterreichischen Landhaus in der Wiener Herrengasse erzwungen wurden, waren die Pressefreiheit, die auch eine Befreiung der Literatur von der Zensur ermöglichte, und das Versprechen einer konstitutionellen Verfassung. Unter den Demonstranten war der Student Hans Kudlich, der dann als jüngster Abgeordneter im Reichstag die Bauernbefreiung anstieß: Das Ende der Grundherrschaft machte aus Untertanen Staatsbürger. Die Entwicklung hatte als Reformbewegung begonnen und wurde durch den Einsatz des Militärs zur Revolution. Österreichs erstes Parlament beschloss die staatsbürgerlichen Grundrechte und erarbeitete die Voraussetzungen für die Gleichberechtigung der Nationalitäten. Im März 1849 wurde der in die mährische Kleinstadt Kremsier verlegte Reichstag gewaltsam aufgelöst - sein Werk blieb Programm für die Modernisierung von Reich und Staat, für die Zukunft der Demokratie.

Die Habsburger sahen jede Veränderung als Gefahr für ihre Existenz, weil der Monarchie als Vielvölkerreich eine gesamtstaatliche Idee fehlte. War das ausschlaggebend für das harte Vorgehen gegen die Revolution?

Ja, die Revolution kam aus Ungarn nach Wien; im Pressburger Landtag hatte Lajos Kossuth Anfang März in einer Rede, die sich schnell in Wien verbreitete, einen Gesamtumbau der Monarchie mit einer eigenen Verfassung für die Länder der Stephanskrone gefordert. Allerdings waren die Magyaren selbst nur eine Minderheit neben Slowaken, Serben und Kroaten, Walachen (Rumänen), Deutschen, Juden - trotzdem sollte Ungarisch die einzige Staatssprache sein. Dieser Nationalismus führte dann zu blutigen Konsequenzen, weil sich mit der Erhebung von Serben und Kroaten auch das Rückgrat der militärischen Struktur der Monarchie widersetzte. Die Revolution scheiterte an ihren sozialen und nationalen Widersprüchen, an denen die militärische Gegenrevolution ansetzen konnte.

Vor allem der hohe Blutzoll ist vielen heute nicht mehr bewusst.

Die bedeutendsten Hauptstädte der Monarchie wurden militärisch niedergeworfen: Krakau zu Ostern, Prag zu Pfingsten, Mailand im Sommer, Wien im Oktober, dann Budapest, Lemberg und, als trauriger Schlusspunkt, Venedig. Hier war die Markus-Republik wieder ausgerufen worden, die erst im Sommer 1849 erobert werden konnte. Damals wurde der erste Luftkrieg geführt, weil Haynau versuchte, von Luftballons aus die Stadt zu bombardieren, was aber aufgrund des Windes scheiterte. Venedig wurde ausgehungert, das waren Terrormethoden, daran ist zu erinnern, wenn man an Österreichs Herrschaft in Oberitalien denkt und die Rolle, die der achtzehnjährige Kaiser Franz Joseph als oberster Kriegsherr dabei gespielt hat.

Und trotzdem ist in der Erinnerungskultur ein leicht verschrobenes, aber doch positives Bild des Kaisers eingebrannt, rund um seine Frau Elisabeth existiert sogar ein regelrechter Hype.

Das ist tatsächlich eine bemerkenswert erfolgreiche Verdummungsstrategie, die von Kitsch bis zur Geschichtsklitterung reicht, angesichts derer die "Sissi"-Trilogie aus den 1950ern fast schon als historisch ehrenwert anzusehen ist. Die jüngsten TV-Produktionen wie "Sisi" kann ich nur als Schund bezeichnen.

Haben Sie eine Erklärung für diese irrlichternde Erinnerungskultur?

Ein Symptom ist jedenfalls die Debatte um den Radetzkymarsch und das Mitklatschen beim Neujahrskonzert. Österreichische Symbolpolitik hat hier ganz klar Defizite. Die Revolution wurde nicht nur im übertragenen Sinn getötet, sondern ihre Protagonisten wurden verfolgt, vertrieben und etliche auch hingerichtet; der Abgeordnete des Frankfurter Paulskirchenparlaments Robert Blum ist hier der prominenteste Vertreter, viele andere Revolutionäre der Linken mussten ins Exil. Die Großbauten des Arsenals und der Franz-Josephs- und Rudolfskaserne sollten die Stadt beherrschen; noch die Planung der Ringstraße stand im Zeichen der Abwehr von Aufständen. Nicht nur das Reiterdenkmal Radetzkys vor dem ehemaligen Kriegsministerium am Stubenring und die Statuen der Feldherren im Arsenal ehren die Sieger, sondern - schlimmer noch - auch ihre Nennung auf den Ehrenbürgertafeln des Wiener Rathauses rühmt die blutige Unterdrückung der Revolution.

Von den heutigen Parteien erhebt am ehesten die FPÖ den Anspruch, die Erinnerung an die Revolution wachzuhalten, während die Sozialdemokratie diese offensichtlich aus ihrem kollektiven Gedächtnis gestrichen hat.

Das ist tatsächlich eine interessante Entwicklung, denn nicht nur die Geschichte von bürgerlicher Demokratie und Parlamentarismus reicht bis 1848 zurück, sondern auch die der Arbeiterbewegung. Karl Marx war in Wien und hat vor dem Hintergrund der "Praterschlacht", als die bürgerliche Nationalgarde blutig gegen eine Demonstration von Notstandsarbeitern vorging, gesagt, dass es sich in Wien wie zuvor in Paris nun um "den Kampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat" handle. Das war richtig, trotzdem hat diese Zuspitzung zum Klassenkampf der demokratischen Revolution geschadet, weil deshalb im Oktober große Teile des Bürgertums auf der Seite des Regimes standen. 1848 wurde zudem von Journalisten wie Dr. Hermann Jellinek erstmals der Begriff der "sozialen Demokratie" verwendet. Dass dessen Todesurteil wegen Aussagen wie die Kämpfe würden sich "nicht nur gegen das Militär, sondern auch gegen die Dynastie" richten, vollstreckt wurde, haben manche damit erklärt, dass man "einen Juden" gebraucht und "sonst keinen zur Hand" gehabt habe. Diese Opfer, ja Märtyrer gehören zur Bewusstseinsbildung der frühen Sozialdemokratie. Die Massenkundgebungen der von Victor Adler geführten Arbeiterbewegung dem Obelisken für die Märzgefallenen, der vom Schmelzer Friedhof auf den Zentralfriedhof übertragen wurde, waren gleichrangig mit den Maiaufmärschen. Die Selbstvergessenheit der SPÖ in Hinblick auf 1848 ist ein Symptom für ihre Krise. Was die deutschnationale 1848-Erinnerung betrifft, so ist zu sagen, dass das Eindringen des Antisemitismus in die Burschenschaften die demokratische Tradition der akademischen Legion von 1848 verzerrte und vernichtete.

Welche Lehren können, sollen wir für die Gegenwart aus den Ereignissen der Revolution von 1848 ziehen?

Vom hingerichteten Journalisten Jellinek stammt der Satz: "Ideen können nicht erschossen werden." Im "Demokratikum" des renovierten österreichischen Parlaments beginnt die historische Dokumentation mit den lapidaren Sätzen: "Unsere Demokratie ist das Kind der Revolution von 1848. Es ist ein hartes Ringen." Dieser Ursprung bleibt Lehre aus der Geschichte und Auftrag für die Zukunft.

Nicht jede Revolution ist allerdings ein Aufbruch.

Der Dichter Sándor Petöfi, der im März 1848 mit seinem Nationallied "Auf! Die Freiheit ruft, Magyaren - Zeit ist’s, sich zum Kampf zu scharen" die Parole der ungarischen Revolution verkündet hatte, fiel 1849 im Unabhängigkeitskampf. Sein 1848 überschriebenes Gedicht erschüttert:

Achtzehnhundertachtundvierzig,

Stern der Völker, Morgenrot!

Endlich ist erwacht die Erde.

Tag wird’s, doch er kündet Tod,

Tod der Nacht, der langen,

jagt mit roten Wangen

in die Flucht die finstren Schatten,

droht mit düstrer Purpurglut.

Aus den Augen der Nationen

schreien Groll und Schmach nach Blut.

Furchtbare Verse, die an die zerstörerischen Exzesse der Nationalismen in der Geschichte und in unserer Gegenwart gemahnen.

Zur Person

Wolfgang Häusler ist Universitätsprofessor i.R. für Österreichische Geschichte in Wien. Sein Buch "Ideen können nicht erschossen werden. Revolution und Demokratie in Österreich 1789 - 1848 - 1918" ist 2017 im Molden-Verlag erschienen.