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1914, die Ukraine und die fehlende Glaskugel

Von Matthias Nagl und Thomas Seifert

Politik
Ned Lebow beim Salzburg Global Seminar.
© Ela Grieshaber

Der Politologe Ned Lebow sieht am Ausbruch des Ersten Weltkrieges wenige Parallelen zu heute.


"Wiener Zeitung:" In einem Ihrer letzten Bücher geht es darum, was passiert wäre, wenn Thronfolger Franz Ferdinand nicht erschossen worden wäre . . .Ned Lebow: Es geht darum, was passieren hätte können. Ich habe keine Glaskugel. (lacht)

Das Attentat war angesichts der Folgen, die es ausgelöst hat, ein Zufallsereignis.

Es war ein Zufallsereignis, aber ein Ereignis, das den Krieg ermöglichte. Es erfüllte sechs Bedingungen, die viele andere Ereignisse nicht erfüllt hätten. Zuallererst entfernte es den wichtigsten Fürsprecher des Friedens aus Wien. Zweitens vergrößerte es die Macht von Generalstabschef Conrad von Hötzendorf. Wir wissen, dass Franz Ferdinand plante, ihn nach der Rückkehr aus Sarajevo zu entlassen. Kaiser Franz Joseph wendete sich stärker dem Krieg zu, da es bereits das dritte Attentat auf ein Familienmitglied war. Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg glaubte, dass ihm dieses Szenario ermöglichte, die Russen als Aggressoren zu verraten und dadurch die Unterstützung der Sozialisten zu gewinnen. All diese Dinge passierten wegen der Schüsse von Sarajevo. Ich argumentiere, dass ein anderes Ereignis, das diese Bedingungen hervorgebracht hätte, schwer vorstellbar ist. Dass ein anderes Land den Krieg begonnen hätte, ist noch schwerer vorstellbar. Dass Europa augenfällig auf eine Auseinandersetzung gewartet hat, ist meiner Meinung nach die am meisten überbeanspruchte und auch falsche Metapher.

In der Ukraine und im Nahen Osten gab es heuer schon einige unvorhergesehene, tragische Zufallsereignisse. Wie stark ist Geschichte von Zufallsereignissen gesteuert?

Ich wäre sehr vorsichtig dabei, 1914 mit heute zu vergleichen. Das ist eine falsche Analogie. Heute wissen wir, dass Krieg zwischen den Großmächten eine völlige Katastrophe ist. 1914 gab es nicht genug Leute, die das erkannten, schon gar nicht unter den Entscheidungsträgern.

Zurück zu Ihrem Buch. Wäre Österreich noch eine Weltmacht, wenn Franz Ferdinand nicht ermordet worden wäre?

Man kann einen kurz- und langfristigen Blick auf das Schicksal Österreich-Ungarns werfen. Das Überleben eines Reichs getrieben von zentralisierenden, nationalistischen Kräften ist unvorstellbar. Der einzig vorstellbare Weg, auf dem Österreich-Ungarn überleben hätte können, war Franz Ferdinands Idee des Trialismus mit den Slawen als dritter Komponente. Es hätte aber auch eine Einigung mit den Tschechen gebraucht, die noch schwieriger zu erreichen gewesen wäre. Es gibt keinen Zweifel, dass sich die Spannungen verstärkt hätten. Wiens Reaktion darauf wäre eher gewesen, die Zügel anzuziehen als stärkere Autonomie zu erlauben. Das vorausgesetzt wäre es also nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Österreich-Ungarn zerbrochen wäre. Im Rückblick schauen wir gerne nostalgisch auf Österreich-Ungarn, weil wir wissen, was nach seinem Zerfall passierte. Dieses Wissen hatte damals niemand.

Kurz davor, an der Wende zum 20. Jahrhundert, war Wien eine der modernsten Städte mit einer vermeintlich großen Zukunft. Was sagt uns das über die Unvorhersehbarkeit der Zukunft?

Das für gegeben anzunehmen, was man besitzt, ist sicherlich zweischneidig, blendet einen auch im Hinblick auf Katastrophen, die um die Ecke lauern können. Denken Sie nur an die Erderwärmung. Wir alle wissen, dass es sie gibt. Für viele Leute ist es aber komfortabler, vorzugeben, dass sie nicht passiert. Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem sich unsere Optionen stark einengen. Es gibt bekannte Bedrohungen und unbekannte Bedrohungen. In beiden Fällen gibt es oft starke Leugner.
Es gibt die Meinung, dass es Parallelen zwischen Österreich-Ungarn und der Europäischen Union als multi-ethnischem und multi-nationalem Zusammenschluss gibt. Kann man aus der Geschichte lernen, wie man Zersplitterung vermeidet?

Ja, das kann man sicher. Aber mit Vergleichen zwischen Österreich-Ungarn im Jahr 1914 und der EU sollte man vorsichtig sein. Wer war für den Erhalt und die Stärkung von Österreich-Ungarn? Die Aristokratie. Sie war bereits sehr international und deshalb stark gefährdet durch den Nationalismus. Die Juden ebenso, für sie war Österreich-Ungarn eine kräftige Quelle der Befreiung und des Schutzes. Die EU ist im Gegensatz dazu aus vielen Staaten zusammengesetzt. Innerhalb dieser Staaten haben fast alle ein gewisses Maß an ethnischen Problemen. Aber fast kein Staat hat so ernste Probleme, wie sie Österreich-Ungarn 1914 hatte. In diesem Sinn könnte man argumentieren, dass der wesentlichste Grund beider Weltkriege die Modernisierung Europas war. Europa zahlte dafür im 20. Jahrhundert einen schrecklich hohen Preis. Westeuropa hat diesen Schritt nun getan und ein Level an politischer Organisation und Konsens erreicht, das es in eine sehr andere Situation bringt. Auch diese wirtschaftliche Krise Europa überleben.

Und Osteuropa?

In Osteuropa sind die Probleme der Modernisierung noch nicht endgültig gelöst. Das ähnelt der Situation von 1914 stärker.

Zur Person

Richard Ned Lebow

ist Professor für internationale politische Theorie am King’s College London und Professor Emeritus am Dartmouth College in Hanover, New Hampshire, USA. Mit "Archduke Franz Ferdinand Lives! A World Without World War I" veröffentlichte Lebow heuer ein vielbeachtetes Buch. Dieses Interview entstand im Rahmen einer Veranstaltung des International Peace Institutes und des Salzburg Global Seminars.