Zum Hauptinhalt springen

1917, die Februarrevolution und die Nostalgie

Von Isolde Charim

Gastkommentare
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.
© Daniel Novotny

Wo nehmen wir heute die Ermächtigung her?


Fast auf den Tag genau vor hundert Jahren begann die Februarrevolution – am 23. II. 1917 in Petrograd. Es war dies noch nicht die "große", die Oktoberrevolution. Diese sollte erst ein halbes Jahr später stattfinden. Es war vielmehr das, was hinterher ein Vorspiel gewesen sein wird. Der Aufstand ging zunächst von hungrigen Arbeiterinnen im dritten Kriegswinter aus. Rebellierende Frauen, die 300 Jahren Zarenherrschaft, 300 Jahren Romanow-Dynastie ein Ende setzten.

Es soll hier aber nicht um einen historischen Rückblick gehen, sondern darum, wie diese Vergangenheit weitergewirkt hat. Heute, 100 Jahre nach dem massiv gescheiterten Großexperiment und in einer Zeit, die selbst wieder akut zu werden droht, stehen die Zeichen generell auf Nostalgie. Nicht auf Geschichte. Links und rechts.

Nostalgie geht es nicht um die Rekonstruktion der Vergangenheit, so wie sie gewesen sein mag. Nostalgie geht es vielmehr um die Beschwörung einer Vergangenheit, so wie man sie gelebt, empfunden haben könnte. Der Nostalgiker möchte sich selbst in diese imaginierte Position versetzen. In Zeiten, wo sich die Hoffnungen erschöpft haben, ist Nostalgie zu einer eminenten politischen Ressource geworden. Rechts sowieso. Denn die Rechten sind ja schon von ihrem Konzept her rückwärtsgewandt. Den Linken aber, die ja mal für die Zukunft, fürs Vorwärtsstreben eintraten, ist die Zukunft zu einer Kategorie aus der Vergangenheit geworden.

So haben die Bilder aus den Zeiten als noch Zukunft war, als man noch um die Zukunft kämpfte, als Bilder einer politischen Lebensintensität eine Ikonographie entworfen, die viele Generation geprägt hat. Heute aber, 100 Jahre später, ist uns dieser "Mythos der Revolution" (Eribon), sind uns diese "Bilder der Fülle" (Taylor) nicht mehr zugänglich. Heute ist uns der Glaube an die Revolution als Erlösungsmoment abhanden gekommen.

In dieser Entzauberung liegt etwas Befreiendes. Denn der Romantizismus der Revolutions-Nostalgie war durchaus schädlich fürs politische Handeln: Er hat noch lange Zeit alles Handeln, das unter dieser Latte liegt, desavouiert.

Aber damit ist die Linke auch eines anderen Moments verlustig gegangen, der nicht nur für Kommunisten, sondern auch für Sozialdemokraten zentral war. Und nach wie vor ist.

Nicht nur die proletarische Revolution, alle linken Konzepte waren und sind nach wie vor von einem emphatischen Verständnis von Arbeit getragen. Arbeit ist produktive Arbeit, ist Austausch mit der Natur. Aus diesem positiven Verständnis gewinnt "der Arbeiter" erst seine politische Rolle. Diese Emphase, dieser Nachdruck haben dem Arbeiter erst mit jenem versehen, was ihn zu einem politischen Akteur gemacht hat: Der Arbeitsdiskurs war ein Ermächtigungsdiskurs. Man denke nur an Parolen wie: "Alle Räder stehen still, wenn unser starker Arm es will." Heute hat die Produktionsarbeit diesen Stellenwert längst verloren. Aus ihr lässt sich keine Ermächtigung mehr ableiten. Das ist die Crux aller linken Projekte, aller linken Erzählungen. Sie bieten keine Ermächtigung mehr. Da hilft auch keine Nostalgie. Ihre Ermächtigung, die holen sich die Arbeiter heute von ganz woanders her.