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20 Jahre deutsche Einheit: Der Osten als West-Filiale

Von Dirk Neubauer

Gastkommentare

Das 20. Jubiläumsjahr der deutschen Einheit geht zu Ende. Als die Mauer fiel, war ich am denkbar ungünstigsten Ort. Ich saß, eingezwängt in eine NVA-Uniform, im Kasernenfernsehraum. Was ich schwarz-weiß zu sehen bekam, war unvorstellbar. Die Mauer, unumstößliche Grenze all meiner Gedanken, war offen.


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Ein Gefühl aus grenzenlosem Glück und unbestimmter Angst erfüllte diesen Moment, der ein Ende war und zugleich Anfang meines neuen Lebens. Sehr viel malte ich mir nicht aus: Reisen, Westgeld, Freiheit. Das machten wohl alle so. Was immer wir jeweils darunter verstanden. An Demokratie dachte ich nicht. Jedenfalls nicht direkt. Nur daran, dass jetzt alles besser würde. Irgendwie.

Heute, 20 Jahre später, ist alles besser. Für mich persönlich zumindest. Die Demokratie allerdings, dieses abstrakte, alles rechtfertigende Wortgerüst aus Mitgestaltung und Meinungsfreiheit, ist eine leere Hülse meiner Träume geblieben. Warum? Weil ich sehe, dass der Osten, meine ungeliebte und doch schöne, nach Hollerblüten duftende Kindheitsheimat umbenannt, filetiert und von zweiter Reihe West überrollt wurde.

Viele Parteimaschinen ersetzen die eine, zuvor alles bestimmende. Die alten Eliten wurden gebraucht und konserviert. Weiter so. Nur eben ein bisschen anders. So wendete mancher seine Ansichten. Während die Jugend reihenweise gen Westen flüchtete. Der Rest, nach fünf Jahrzehnten Diktatur, Hitler-deutschem und kommunistischem Zwangsgleichklang beinahe vollständig der Fähigkeit zur Selbstbestimmung beraubt, verharrt in unbestimmter Unzufriedenheit. Die Leute treffen in Ämtern und Behörden jene, denen sie schon damals, im Rat des Bezirkes, begegneten. Wieder sitzen die Konformen den weniger Konformen machtvoll gegenüber. Wem das nicht gefällt, der kann sich ja beschweren. Wir haben ja Demokratie jetzt.

Der Osten wurde zum West-Filialbetrieb und damit weitgehend stimmloser Pflegefall für Generationen. Die Bildung einer neuen Elite wurde dem bundesdeutschen Einheitstraum geopfert. Kaum ein Mauerstürmer fasste dauerhaft im neuen Deutschland Fuß. Einzig die Kanzlerin gilt als Beweis für innere Einheit.

Die öffentliche Debatte reduzierte sich auf Stasi-Handlanger, während SED-Verantwortliche, die deren Kommandanten waren, wieder am Gesellschaftsleben teilhaben. Die Masse hat es verstanden, wendet sich ab und geht nur wählen, wenn unabhängige Listen kandidieren oder der rechte Rand Protest verheißt. Meist aber gar nicht mehr. Und die Politik? Übt Bürgerschelte und entfernt sich vom realen Leben so weit, wie ich es im alten System schon erlebt habe. Damals, als Pläne zu 170 Prozent übererfüllt waren, aber Geschäfte gähnenden Mangel präsentierten.

Der Ostdeutsche an sich verstehe nicht, dass jetzt alles besser sei im fördermittelstrotzenden, durchsanierten Zuhause, so der Tenor. Dass aber die meisten eine Heimat verloren haben, deren Wiedergeburt sie gern mitgestaltet hätten statt alte Fassaden neu anzustreichen und belehrt zu werden, geht im verhaltenen Einheitsjubiläumsjubel unter.

Dirk Neubauer ist Geschäftsführer des Web-Dienstleisters Evolver Group und war Online-Chef der "Mitteldeutschen Zeitung".