Zum Hauptinhalt springen

2019 durch die rosa Brille

Von Thomas Seifert

Leitartikel
Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
© WZ

"Jedem denkenden Menschen ist doch klar, dass das Leben schlecht ausgeht. Erst verlieren wir alle uns lieben Menschen, und am Ende sterben wir selbst", sagte der deutsche Psychoanalytiker und Autor Wolfgang Schmidbauer vor einigen Jahren in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit". Diesen schlechten Ausgang ignorieren zu können - das ist für Schmidbauer Optimismus.

Optimismus und Zuversicht machen das Leben erträglicher: Wie sieht also ein optimistischer Versuch einer Zukunftsprognose für das Jahr 2019 aus?

Irgendwann in den kommenden Wochen wird der Sonderermittler Robert Mueller seinen Bericht über die Beeinflussung der US-Wahl im Jahr 2016 zugunsten Donald Trumps durch Russland vorlegen. Bisher gibt es 17 Gerichtsverfahren, mehrere Verurteilungen, und gegen dutzende Verdächtige wird weiter ermittelt. Die Ermittlungen haben längst den innersten Kreis um den US-Präsidenten erreicht. Für Trump ist alles nichts weiter als eine Hexenjagd, zugleich zeigen die Mueller-Ermittlungen, dass die Institutionen der USA noch funktionieren. Die Republikaner stehen 2019 vor der Wahl, ob sie ihren Kandidaten von 2016 die Treue halten wollen oder sich auf die Seite der Institutionen stellen.

Auch die Demokraten stehen vor einer Entscheidung: Ein Amtsenthebungsverfahren wäre die logische Folge der Enthüllungen, ist aber politisch inopportun, weil Trump ein Impeachment zur politischen Mobilisierung nutzen würde. Zugleich stehen die Demokraten vor der Aufgabe zu bestimmen, wen sie 2020 ins Rennen gegen Trump (oder falls Trump nicht mehr im Amt sein sollte, gegen Mike Pence) schicken wollen.

Am 29. März 2019 steht der Brexit auf dem Kalender: Die leeren Versprechungen der Brexiteers haben sich längst in Luft aufgelöst, die politischen Eliten Großbritanniens sind blamiert. Bringt der Tag den Briten die heilsame Erkenntnis, dass das politische System Großbritanniens dringend erneuert werden muss? Bringt er auf dem Kontinent die Erkenntnis, dass Europa in der neuen Weltordnung konkurrierender Imperien (USA, China, Russland) nur durch Kooperation und Integration bestehen kann?

Ende Mai finden dann Wahlen zum EU-Parlament statt. Die Frage lautet: Lässt sich die politische Mitte gegen Neo-Nationalisten und Populismus mobilisieren? Das wäre ein Signal für "Peak Populism": dass der Höhepunkt der populistischen Welle überschritten ist und radikale Zentristen in die Offensive gehen. Viel deutet allerdings auf eine solche Entwicklung hin darauf hin.

Optimisten mögen sich damit trösten, dass es im eingangs zitierten "Zeit"-Interview auch heißt: Pessimisten haben zwar meist recht, dafür haben Optimisten den Spaß.