Zum Hauptinhalt springen

260.000 Kinder leiden in Argentinien unter Hunger

Von Rainer Mayerhofer

Politik

Buenos Aires - 260.000 Kinder leiden nach offiziellen Angaben in Argentinien an Unterernährung, obwohl das Land mit seinen rund 37 Millionen Einwohnern so viele Lebensmittel herstellt, dass damit 300 Millionen Menschen ernährt werden könnten. Allein in der nördlichen Provinz Tucuman sind in den vergangenen Tagen mindestens sechs Kinder verhungert. Jetzt will die Regierung des krisengeschüttelten Landes ein Programm zur Bekämpfung der zunehmenden Hungersnot verwirklichen. Präsidentengattin Hilda Duhalde soll das nationale Projekt in der Provinz Tucuman koordinieren.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 21 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Das Foto des vierjährigen Pablo Gomez mit vom Hunger aufgeschwemmtem Bauch und spindeldürren Beinen ging in der Vorwoche durch die Weltpresse. Gemeinsam mit seinem zweieinhalb Monate alten Bruder Fecundo wird er im Kinderspital von Tucuman betreut. Ihre sechsjährige Schwester Maria Rosa ist in der Vorwoche an den Folgen der Unterernährung gestorben. Sie wog nur noch neun Kilo.

Juan Carr, Sprecher der NGO-Gruppe "Red Solidaria" (Solidarisches Netz) weist auf die offiziellen Zahlen hin, nach denen jeden Tag in Argentinien 33 Kinder an den Folgen von Unterernährung sterben. Im Durchschnitt werden etwa 15 Prozent der argentinischen Kinder nicht ausreichend mit Lebensmitteln versorgt. Im Großraum von Buenos Aires haben 32 Prozent der Kinder nicht genug zu essen und in den ärmsten Provinzen ist jedes zweite Kind von der Hungersnot betroffen.

Besonders schlimm ist die Lage in der Provinz Tucuman, wo Monokulturen von Zitronenbäumen und Zuckerrohr die einzige Einnahmequelle darstellen und korrupte Provinzregierungen seit Jahrzehnten in die eigene Tasche wirtschaften. Bisherige Hilfsprogramme für die ärmsten Bevölkerungsschichten sind daran gescheitert, dass die Mittel die Bedürftigen gar nicht erst erreicht haben, sondern bei den Günstlingen des peronistischen Regimes "hängen geblieben" sind.

An dem jetzt von der Präsidentengattin koordinierten Rettungsprogramm, das am Dienstag von der argentinischen Regierung beschlossen wurde, sollen die Streitkräfte, mehrere regierungsabhängige Organisationen sowie Ärzte und Studenten mitwirken. "Wir werden von Haus zu Haus gehen, um die schlimmsten Fälle von Unterernährung auszumachen", sagte Hilda Duhalde, die zugeben musste, dass die Lage in Tucuman nur die Spitze eines Eisbergs ist und das Hungerproblem in allen Provinzen des Landes besteht.

55 Prozent der Gesamtbevölkerung Argentiniens werden mittlerweile zu den Armen gezählt. Arbeitslosigkeit und Inflation nehmen in dem krisengebeutelten Land rapid zu. Das Wirtschaftssministerium des mit 150 Milliarden Dollar verschuldeten Landes, das sich zu Beginn des Monats gegenüber der Weltbank für teilweise zahlungsunfähig erklärt hat, führt das Hungerproblem auf das 1991 vom Parlament verabschiedete Gesetz über die Konvertibilität der argentinischen Währung zurück, die den Peso an den US-Dollar gebunden hatte. Das damals von Wirtschaftsminister Domingo Cavallo in der ersten Regierungssperiode des Peronisten Carlos Menem beschlossene Gesetz, das von nationalen und internationalen Wirtschaftskreisen wegen der Eindämmung der Inflation bejubelt worden war, sei spätestens 1994 unhaltbar geworden, sagt der derzeitige Wirtschaftsminister Roberto Lavagna, weil dadurch die Auslandsverschuldung extrem angestiegen ist.

Parallel zur prekären Ernährungssituation steht auch das argentinische Gesundheitswesen vor dem Kollaps. Die verarmte argentinische Mittelklasse kann sich die Krankenversicherungsbeiträge nicht mehr leisten. Die Spitalsapotheken sind weitgehend leer und die Medikamente, soweit sie noch verfügbar sind, kosten mehr als in allen anderen südamerikanischen Staaten. Insulin etwa kostet auf dem argentinischen Markt sechsmal so viel wie in dem wirtschaftlich wesentlich besser gestellten Spanien.