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2G ist jetzt okay - aber nicht dauerhaft

Von David Stadelmann

Gastkommentare

Statt auf Impfzertifikate sollte in der Corona-Pandemie auf (kostenpflichtige) Tests für Ungeimpfte gesetzt werden.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 2 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Seit Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 hat sich ein kleines Team von Wissenschaftern für die systematische Auffindung aller Genesenen mittels Antikörpertests und deren Zertifizierung eingesetzt (unter anderem mehrfach in der "Wiener Zeitung"). In Deutschland, Österreich und der Schweiz waren wir vermutlich die ersten - vielleicht sogar weltweit. Weit mehr als ein Jahr lang wurde die Zertifizierung von der Politik nicht angegangen. Mittlerweile ist vielen klar, dass die natürliche und die eingeimpfte Immunität bei anhaltender Pandemie zu zertifizieren sind. 2G scheint der neue "Gold-Standard" zu sein.

Da nun eine Impfmöglichkeit für alle besteht, bin ich weniger euphorisch für 2G. Denn bis auf wenige medizinische Ausnahmen kann sich nun jeder, der einem höheren Risiko einer schweren Covid-Erkrankung ausgesetzt wäre, durch die Impfung relativ gut schützen. Die Impfung ist vor allem ein Selbstschutz, kein Fremdschutz, da Geimpfte das Virus übertragen können. Weil die Impfung Selbstschutz ist, wäre es im Grunde zu akzeptieren, dass manche Bürger keinen persönlichen Gesundheitsschutz durch Impfung wollen. Dagegen spricht jedoch das Argument einer möglichen Überlastung des Gesundheitssystem. Wer nicht geimpft ist, trägt mit höherer Wahrscheinlichkeit zur Überfüllung der Krankenhäuser bei als ein Geimpfter. Wer sich also selbst durch Impfung schützt, entlastet das Gesundheitssystem und ist insofern solidarisch.

Das Gesundheitssystem belasten aber nicht nur Ungeimpfte, sondern auch andere, die dies oft durch für sie selbst gesundheitsfördernde Entscheidungen vermeiden könnten, zum Beispiel durch Reduktion ihres Übergewichts oder durch Nichtrauchen. Insofern ist es unklar, warum zwischen Rauchern, Übergewichtigen oder Ungeimpften ein großer Unterschied gemacht werden sollte, außer dass sich das Gesundheitssystem schon an die Leiden der Raucher und der Übergewichtigen gewöhnt hat und mit ihnen gerechnet wird. Allerdings hätte man auch mit ungeimpften Covid-Patienten rechnen können. Zum Rechnen ist es nun aber zu spät.

Taub oder stur

Bei vielen Ungeimpften geht es gar nicht um die Angst vor Impfnebenwirkungen. Manchen ist die Pandemie einfach egal, sie stellen sich taub gegenüber politischen Aufrufen jeglicher Art. Andere lehnen den impliziten Impfdruck durch 2G ab und schalten auf stur. Beide Reaktionen sind menschlich. Taub oder stur waren mehr als ein Jahr lang auch jene politischen Entscheidungsträger, die die Zahl der tatsächlich Genesenen nicht erfassen und zertifizieren wollten. Bekanntlich litten die offiziellen Fallzahlen immer unter einer beachtlichen Dunkelziffer, sodass auch die Zahl der natürlich Immunen um ein Vielfaches höher lag als die Zahl der offiziell erfassten Genesenen.

Die fehlende Breite der Erfassung des Immunitätsstatus führte dazu, dass Teile der knappen Impfungen zu Beginn des Jahres verschwendet wurden, indem mitunter bereits natürlich Immune früh geimpft wurden, statt die Impfungen zuerst jenen zu geben, die sie dringender gebraucht hätten. Sturheit ist eben leider mit Kosten verbunden. Nun könnte eine nicht zu vernachlässigende Minderheit sich dauerhaft von der Politik abwenden und auf taub oder stur schalten. Das ist eine relevante Gefahr, da die Konsequenzen eines derartigen menschlichen Verhaltens viel schwieriger vorauszusagen und dann zu bändigen sind als ein Virus.

Die Krise aufarbeiten

Zum Glück kann ein liberales, funktionierendes Gemeinweisen halbwegs konstruktiv mit sturen Bürgern und Entscheidungsträgern umgehen. Hier ein Drei-Punkte-Programm:

(1) Zertifikate sind ein Kriseninstrument, kein Kontrollinstrument. Bis auf wenige Ausnahmen im Gesundheits- und Pflegebereich sollten sie daher im Frühling 2022 abgeschafft werden. Dazu braucht ein fixes Datum für einen "Freiheitstag", zum Beispiel den symbolträchtigen 1. Mai.

(2) Den Ungeimpften sollte weiterhin die volle Teilnahme am öffentlichen Leben mittels Tests ermöglicht werden. Denn das ist die bessere Alternative als geheime Partys, gefälschte Covid-Zertifikate oder noch Schlimmeres. Aber natürlich muss Gleichgültigkeit oder Sturheit auch etwas kosten. Die Tests sollten mit einem Preis versehen und kontrolliert durchgeführt werden.

(3) Eine unabhängige Corona-Kommission sollte sofort mit dem Auftrag eingesetzt werden, den Verlauf der Krise, die Erfolge, das Versagen sowie die Ursachen aufzuarbeiten. Wetten, dass sich aufgrund des abzusehenden Drucks einer solchen Kommission manche politischen Entscheidungsträger mehr Gedanken machen würden, sodass sie schon jetzt den Menschen mit all seinen edlen Facetten wie Solidarität und weniger edlen Facetten wie Sturheit in den Mittelpunkt stellen würden, statt sich nur aufs Virus zu konzentrieren.