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300 Morde pro Tag, na und?

Von Christian Ortner

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Christian Ortner.

Das Christentum ist weltweit die am meisten verfolgte Religion geworden. Europa nimmt das mit einer eher befremdlichen Gelassenheit zur Kenntnis.


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Wer sich dabei erwischen lässt, seinen christlichen Glauben zu praktizieren, darf in Nordkorea mit einer ganz besonderen Form staatlicher Zuwendung rechnen, wie jüngst publik wurde: Die dortige Diktatur betreibt regelrechte "Rehabilitationszentren", um Christen mit einer Mischung aus Gehirnwäsche und Folter zu frommen Atheisten umzuprogrammieren. So viel Mühe machen sich nicht alle Gegner des Christentums. In Ägypten zum Beispiel haben radikale Islamisten den 60-jährigen Friseur Iskander Toss erschossen, enthauptet, anschließend seinen Leichnam an einen Traktor gebunden und durch sein Heimatdorf in Oberägypten geschleift, bevor sie seine Überreste öffentlich aufhängten. Sein Vergehen: Er war (koptischer) Christ.

Nachrichten wie diese schaffen es mittlerweile kaum noch prominent in die Medien, so häufig sind sie geworden. Christsein ist in vielen Teilen der Welt lebensgefährlich. Geschätzte 50 bis 100 Millionen Christen werden verfolgt; pro Tag werden im Schnitt etwa 300 ihrer Religion wegen umgebracht - also alle fünf Minuten einer (oder eine). "Das Christentum ist weltweit die am meisten verfolgte Religion", konstatierte zu Recht die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. Besonders seit Ausbruch des von westlichen Intellektuellen bejubelten Arabischen Frühlings werden in den betroffenen Staaten regelmäßig Christen massakriert.

Gemessen am Umfang dieses Massenmordes ist die Reaktion der öffentlichen Meinung in Europa erstaunlich verhalten. Die gleiche Öffentlichkeit, die - völlig zu Recht - das Ertrinken von Flüchtlingen vor Lampedusa tagelang in allen Facetten erörterte, nimmt 300 Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat getötete Christen nur höchst marginal zur Kenntnis.

Warum? Zum einen schaffte es die Kirche in Europa in den vergangenen Jahrzehnten mit erheblicher Anstrengung und ganz ohne Not, Sympathien en masse zu verspielen und bei den traditionell ohnehin eher religionsfernen Medienmenschen schwere Aversionen auszulösen; der Bogen reicht von zahllosen Missbrauchsfällen bis zum Limburger Protz-Bischof. Dafür können zwar bedrängte Christen in Ägypten oder dem Irak nichts - aber so massiv skeptische Grundstimmungen beeinflussen, gerecht oder nicht, immer wieder die Berichterstattung. Gravierender dürfte sein, dass ein erheblicher Teil der Gewalt gegen Christen von Islamisten ausgeht. Ist das Opfer ein Christ, ist der Täter in vielen Fällen ein fanatisierter Moslem (wobei sich der islamistische Hass auch sehr oft gegen Muslime selbst richtet, aber das ist eine andere Baustelle). Das aber ist für viele Medienmacher in Europa ein delikates Problem. Die Gewaltbereitschaft radikaler Islamisten beim Namen zu nennen, bereitet vielen Unbehagen, weil sie eine Eskalation der Gewalt fürchten - oder auch nur aus persönlicher Bequemlichkeit und Konfliktscheu. Zudem dürfte seit den Kreuzzügen eine Art latentes schlechtes Gewissen im kollektiven Unterbewusstsein hängen geblieben sein. Erklären kann man das Duldungsverhalten des Westens gegenüber dem Morden so vielleicht noch - entschuldigen sicher nicht.

ortner@wienerzeitung.at