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35 Stunden sind eben nicht genug

Von Christian Ortner

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Christian Ortner.

Das Retro-Konzept der Arbeitszeitverkürzung bei gleichem Lohn wird höchst erfolgreich sein: allerdings vor allem für unsere Konkurrenten in Fernost.


Einem normal begabten zehnjährigen Kind wird man wohl innerhalb weniger Minuten erklären können, dass man nicht wohlhabender werden kann, indem man weniger arbeitet. Nur Ökonomen und Politiker sind in zahlreichen Fällen entweder nicht willens oder imstande, diesen eher banalen Zusammenhang zu begreifen. Deshalb schenkt uns die hiesige Sozialdemokratie, zeitnah zum kommenden "Tag der Arbeit" am 1.Mai, nun gerade wieder eine Debatte über das ökonomische Konzept der "Arbeitszeitverkürzung", in der Praxis also beispielsweise eine Reduktion der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden, natürlich bei gleichem Lohn wie bisher für 38,5 oder 40 zu leistende Stunden Wochenarbeitszeit.

Politisch ist das durchaus nachvollziehbar: Ein allfälliger Wahlslogan "35 Stunden sind genug" klingt für viele Stimmbürger wahrscheinlich ziemlich attraktiv. Wir sind ja schließlich nicht in der Schweiz, wo erst unlängst die Mehrheit gegen mehr Urlaub gestimmt hat, um den Standort Schweiz im internationalen Wettbewerb nicht zu schwächen.

Ökonomisch sinnvoll wäre eine derartige Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich freilich nicht. Denn blöderweise steht Österreich - wie ganz Europa - mit fernöstlichen Kulturen in harter Konkurrenz, deren Bewohner in aller Regel nicht schon Donnerstag Mittag gedanklich ins Wochenende hinübergleiten, die Arbeit nicht per se für eine menschenrechtswidrige Zumutung des Neoliberalismus halten und die bereit sind, sich ein Mehr an materiellem Wohlstand notfalls hart zu erkämpfen.

In diesen brutalen Wettbewerb zu ziehen mit dem Konzept der "Arbeitszeitverkürzung" ist ungefähr so, als würde man sich auf einen Marathonlauf vorbereiten, indem man sämtliche körperliche Bewegungen auf ein Minimum reduziert. Das wird nichts werden.

Außerhalb Österreichs hat sich das auch schon herumgesprochen. In Frankreich ist die 2000 eingeführte und 2008 faktisch wieder entsorgte 35-Stunden-Woche mitverantwortlich für die bresthafte Wirtschaftslage der einstigen Grande Nation; in Deutschland hat der VW-Konzern die einstige 4-Tage-Woche wieder weitgehend entsorgt, in einigen Ländern gilt im öffentlichen Dienst gar wieder die 42-Stunden-Woche. Dass in Deutschland demnächst die 40-Stunden-Woche wieder zur Norm wird, wie die Industrie fordert, ist durchaus denkbar. Warum in Österreich Wohlstand schaffen soll, was anderswo gerade mit gutem Grund in der Sondermülltonne für nicht funktionierende Ideen landet, hat uns leider bisher noch keiner der einschlägigen Proponenten erklären können.

"Zeit für sich, die Familie und die persönlichen Leidenschaften zu haben, bereichert das Leben ungemein", erklärt uns dazu der oberösterreichische SPÖ-Chef Josef Ackerl. Stimmt ja eh, ist aber halt irgendwie ungünstig, wenn die Konkurrenten in Fernost das anders sehen. Dann kann nämlich passieren, dass die hiesigen Beschäftigten früher oder später plötzlich viel mehr "Zeit für sich, die Familie und die persönlichen Leidenschaften haben", als ihnen lieb ist. Weil sie ihre Arbeit verloren haben.