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40-jähriges Jubiläum des Scheiterns

Von Petra Tempfer

Politik

Am 5. November 1978 stimmte das Volk gegen das AKW Zwentendorf - und war seiner Zeit voraus.


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St. Pölten/Wien. Der doppelte Stacheldrahtzaun ist zerrissen, der orange Lack der Aufzugtüren blättert ab, und die Uhr in der Kommandozentrale hat aufgehört zu ticken. So wie die Zeiger fünf Minuten vor zwölf Uhr stehen geblieben sind, so scheint sich auch die Zeit im Atomkraftwerk Zwentendorf nahe Tulln in Niederösterreich seit 40 Jahren nicht weiterbewegt zu haben. 40 Jahre, in denen es nach Investitionen von rund einer Milliarde Euro in seiner Startposition verharrte. 40 Jahre, in denen es nicht in Betrieb ging. Und doch hat die Tatsache, dass es von einem Moment auf den anderen einfach nur in einen tiefen Dornröschenschlaf fiel, viel bewirkt. Österreich war dadurch sogar seiner Zeit voraus.

Es war eine Volksabstimmung, die am 5. November 1978 mit einer hauchdünnen Mehrheit von 50,47 Prozent beziehungsweise 29.469 Stimmen zur Nicht-Inbetriebnahme des Atomkraftwerks (AKW) Zwentendorf führte. Noch im Dezember 1978 wurde das Atomsperrgesetz beschlossen. Seitdem dürfen in Österreich keine AKW mehr ohne Volksabstimmung gebaut werden. 1999 wurde dieses Gesetz durch das Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich verschärft, indem es in den Verfassungsrang gehoben wurde. Spätestens seit damals gehört der Energieplan aus 1976, der den Bau von drei AKW in Österreich vorgesehen hatte, endgültig der Vergangenheit an.

An der Volksabstimmung 1978 hatten sich allerdings nur 64 Prozent der Wahlberechtigten beteiligt. Denn das Thema polarisierte. Der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ) war intensiv für Atomenergie eingetreten und hatte angekündigt, im Falle eines Votums gegen die Inbetriebnahme zurückzutreten. Zumindest meinte man, das aus seiner Ankündigung: "Ich sage nicht Nein, dass ich nicht zurücktrete", herauszuhören. Es war bereits Kreiskys dritte Amtsperiode in der Alleinregierung der SPÖ. Die ÖVP unter Josef Taus erkannte darin ihre Chance - obwohl sie grundsätzlich auch für Atomenergie war. Allein die FPÖ, damals mit nur zehn von 183 Abgeordneten im Nationalrat vertreten, war dagegen.

Bühne für politische Interessen

Es wird gemunkelt, dass Landesenergieversorger, von denen die meisten schwarz waren, ihre Mitarbeiter mobilisierten, gegen die Inbetriebnahme zu stimmen. Und das, obwohl diese gemeinsam mit dem Verbund (zu 50 Prozent) an der Errichtung des AKW von 1972 bis 1976 beteiligt gewesen waren. Gemeinsam bildeten sie die Gemeinschaftskernkraftwerk Tullnerfeld GesmbH (GKT), die Betreiber des AKW. Der Bau des AKW war bereits 1969 von der damaligen Bundesregierung Josef Klaus, ebenfalls ÖVP, genehmigt worden.

Diese Parallelschauplätze führten dazu, dass Zwentendorf bei der Volksabstimmung zur Bühne für politische Interessen wurde, es eigentlich nur ein Mittel zum Zweck war. Und dass man in Wahrheit auf ganz anderer Ebene abstimmte. Das mündete mitunter in einen inneren Konflikt: Atomkraftgegner, die überzeugte Kreisky-Fans waren, stimmten auf einmal für die Inbetriebnahme des AKW. Und Atomkraftbefürworter aus bürgerlichem Haus setzten ihr Kreuz auf dem Stimmzettel dennoch ins "Nein".

Die Volksabstimmung ging schließlich also tatsächlich negativ für die Atomkraftbefürworter aus. Kreisky blieb trotzdem. Er sollte sogar 1979 für eine weitere Amtsperiode wiedergewählt werden.

Bis 1985 Konservierungsbetrieb

Die Politik war ob des Ausganges verstört. Die Energiewirtschaft entsetzt. Zwentendorf fiel in eine Schockstarre. Die rund 200 teils hochqualifizierten Kerntechniker, die aus aller Welt eingeflogen worden waren, um nach der Abstimmung den Reaktor hochzufahren, verpackten die blitzblanken Metallrohre in Plastik und begruben die Schrauben unter einer dicken Ölschicht. Bis 1985 blieb das AKW im Konservierungsbetrieb. Ein paar Handgriffe hätten genügt, um es doch noch seiner ursprünglichen Bestimmung zuzuführen - die SPÖ startete diesbezüglich auch mehrere Versuche.

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Erst ein Jahr danach, im April 1986, explodierte Reaktor 4 des AKW Tschernobyl in der Ukraine im Zuge einer Stromausfall-Simulation. Radioaktive Strahlung wurde frei, das AKW verschwand unter einem Sarkophag. Österreichs Anti-Atom-Politik verfestigte sich.

Rund um das AKW Zwentendorf wurde es immer stiller. Und auch darin hörte man nur noch vereinzelte Schritten oder das zaghafte Scheppern einer alten Ölkanne. Sie gehörten Hansi Fleischer, der ab 2001 gemeinsam mit seinem Hund Leonie als Hausmeister die sich leerenden 1050 Räume hinter den eineinhalb Meter dicken Stahlbetonmauern hütete. Denn nach dem Ende des Konservierungsbetriebes 1985 mutierte das einst prächtige Herzeigeobjekt für eine zukunftsweisende Energiewirtschaft zum Ersatzteillager. In Deutschland etwa waren fünf typengleiche AKW in Betrieb, von denen jedoch nach dem Atomausstieg 2011 - dem Jahr der Nuklearkatastrophe im japanischen AKW Fukushima - bereits vier stillgelegt sind. Das letzte läuft bis 2021. Kerntechniker aus aller Welt kommen nur noch nach Zwentendorf, um in strahlungsfreier Umgebung zu trainieren.

Hansi Fleischer war auch noch einige Jahre lang bis zu seiner Pensionierung Hausmeister, als der niederösterreichische Energieversorger EVN 2005 den 50-prozentigen Anteil des Verbunds um 2,5 Millionen Euro kaufte und damit zum alleinigen Eigentümer wurde. Seit 2009 fließt hier sogar Energie: Solarmodule auf Dächern und Fassaden des AKW sowie auf dem 24 Hektar großen Areal liefern Strom für etwa 200 Haushalte pro Jahr. Zum Vergleich: Das AKW hätte bei einer Leistung von 730 Megawatt 1,8 Millionen Haushalte versorgt.

"Die ersten zwei, drei Jahre nach der Übernahme mussten wir viel investieren, um Zwentendorf begehbar zu machen", sagt EVN-Sprecher Stefan Zach. Mittlerweile schreibe man eine schwarze Null. Die 400.000 Euro, die die Erhaltung jährlich koste, kämen durch die Trainings und Firmenveranstaltungen wie Seminare wieder herein.

Größere Projekte hätten allerdings nie geklappt - Zwentendorfs Schicksal. "Es steht für permanentes Scheitern", sagt Zach. Selbst das Vorhaben des Künstlers Friedensreich Hundertwasser, hier ein Museum der fehlgeleiteten Technologien einzurichten, scheiterte. Genauso wie die Hollywood-Produktion, ein seichter Action-Film über einen Terroristen in einem AKW, der dann doch nicht gedreht wurde. Oder die Intention des Unternehmers Udo Proksch, Österreichs Trauerkultur zu verändern und einen Friedhof der Senkrechtbestatteten im AKW zu errichten. Proksch wurde später als Drahtzieher im Versicherungsfall Lucona wegen sechsfachen Mordes verurteilt.

14 EU-Staaten ohne Atomkraft

Und auch der Fußbodenbelag der Kommandozentrale, in der noch immer das rote Telefon mit direktem Draht ins Bundeskanzleramt für den Notfall prangt, "war zum Scheitern verurteilt", sagt Zach: Weil sich die zwei Geschäftsführer der GKT nicht einigen konnten, habe man ein Linoleum-Provisorium hineingelegt, das bald Falten warf und später ersetzt werden musste. Gerade dieses Scheitern macht Zwentendorf aber zu etwas ganz Besonderem. Es hat Österreichs Energiepolitik nachhaltig verändert. Heute "ist es das einzige AKW mit einer eigenen Facebook-Fanseite", so Zach. Zudem stehe es für die typisch österreichische Lösung: zuerst bauen, dann abstimmen. Selbst nach der Fertigstellung des AKW wusste man nicht, wo man die verbrauchten Brennstäbe zwischenlagern sollte. Ein Endlager für Atommüll gibt es bis heute nicht.

Der Bedarf ist groß, ist doch allein Österreich von mehr als 20 Reaktoren umringt. Mehrere von diesen gelten laut Christine Beschaner von der Wiener Plattform Atomkraftfrei als hochriskant. Dukovany in Tschechien sei vielleicht Europas gefährlichstes AKW, sagt sie. Und auch der Strom, der vom Ausland nach Österreich fließt, ist lediglich laut Lieferverträgen atomstromfrei - welcher Quelle er tatsächlich entspringt, ist weniger eindeutig.

Österreich ist eines von 14 EU-Staaten, in denen kein AKW in Betrieb ist. Die restlichen nutzen Atomkraft, insgesamt gibt es 126 Reaktoren. Weltweit sind es 447 Reaktoren in 31 Ländern. Die Bedeutung der Atomenergie schrumpft. Mittlerweile haben die erneuerbaren Energien diese überholt: Sie liefern 19,2 Prozent der Brutto-Endenergie. Der Anteil der Atomenergie liegt bei weniger als drei Prozent, bei der Stromproduktion sind es zwölf Prozent. Vor allem in Asien werden wegen der Luftverschmutzung zwar noch neue Reaktoren errichtet, beim Abbau von Uranerz entsteht aber auch CO2. Das AKW Zwentendorf, mit seinen Solarmodulen auf dem Dach, ist und bleibt somit ein Symbol für die Zukunft der Energiegewinnung.