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40.000 jüdischen Siedlern droht die Umsiedlung

Von Jo Strich

Politik

Tekoa - Die Siedler von Tekoa geben sich während des Nahost-Gipfels in Camp David demonstrativ gelassen. Doch für die 300 jüdischen Familien, die hier südlich von Bethlehem im Westjordanland leben, steht bei den rund 9000 Kilometer entfernten Verhandlungen nichts geringeres auf dem Spiel als ihre mögliche Umsiedlung. Im Falle eines Abkommens zwischen Israelis und Palästinensern droht der 22 Jahre alten Siedlung entweder der Abriss, oder sie wird unter palästinensische Verwaltung gestellt.


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Tekoa ist kein Einzelfall: Israels Ministerpräsident Ehud Barak hat zwar vor seiner Abreise versprochen, die wichtigsten Siedlungsgebiete mit etwa 80 Prozent der rund 200.000 Siedler nicht aus israelischer Hoheit zu entlassen. Für etwa 40.000 Siedler aber bedeutet dies: Koffer packen oder die zukünftige palästinensische Herrschaft akzeptieren.

Der mächtige jüdische Siedlerrat des Gaza-Streifens und von Judäa-Samaria im Westjordanland hat bereits einen "Ausnahmezustand" ausgerufen, um mögliche gewaltsame Räumungen zu verhindern. "Natürlich sind wir unruhig", sagt Shaul Goldstein, der in der Region für Siedlungen verantwortlich ist. "Schließlich klopft die Gefahr an unserer Tür." Dennoch wollten die Siedler zunächst abwarten, "was Barak für uns in seinem Gepäck dabei hat". Seelenruhig preist er das freundliche Klima in Tekoa, das "ständig neuen Familien" das Einleben erleichtere. Wie zum Beweis spielen Eis schleckende, fröhlich singende Kinder verschiedener Herkunft vor einer Baustelle herum, wo in eineinhalb Jahren 37 weitere Häuser stehen sollen.

Geschäftsmann Mordechai, der mit Baumaterial handelt, sieht "nicht das geringste Problem" mit einer möglichen Umsiedlung, schon gar nicht mit einer palästinensischen Verwaltung. Der palästinensische Ko-Verwalter der Siedlung, Yasser Alan, der auch die Bauarbeiten beaufsichtigt, gibt sich beschwichtigend: "Israelischer oder palästinensischer Besitz - was wirklich zählt, ist doch der Frieden."

Auf der staubigen Straße nach Tekoa wollen ein junger Israeli und Arkadi Kischlu, ein Einwanderer aus Leningrad, per Anhalter weiterkommen. Gebetsmühlenartig wiederholt Kischlu, der in Tekoa lebt: "Es wird keine Übergabe, keine Räumung der Siedlung geben." Das klingt, als wolle er sich selbst überzeugen. Zwei Talmudschüler, die im Weinberg der Siedlung arbeiten, geben sich militant. Der 19-jährige Yehuda Belange will nicht an die Zukunft glauben: "Alles nur Gerede", es werde keine Einigung in Camp David geben. Stattdessen glaubt Yehuda an einen "Krieg mit den Palästinensern". Sollte es dennoch zu einem Friedensvertrag in den USA kommen, werde er sich "mit Gewalt" der Räumung widersetzen.

Dov Levy-Neumand, der 1985 aus Frankreich emigrierte Besitzer des Weinbergs, hat mit eigenen Händen am Hang eine Höhle gegraben und darunter ein Holzhaus gebaut, in dem er seine fünf Kinder groß gezogen hat. "Ich habe meine Kinder auf den Bäumen herumklettern sehen, die ich selbst gepflanzt habe", erzählt der 67-Jährige. Er ist sich sicher: "Wir werden hier bleiben."