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41.000 Bewerber für gut 1000 Jobs

Von WZ-Korrespondent Wolfgang Tucek

Europaarchiv

"WZ"-Reportage: Harte Prüfung | Strenge Regeln der Rekrutierer. | Brüssel. Die meiste Zeit des Jahres liegt das Brüsseler Weltausstellungsgelände verlassen da. Doch am Freitag war das anders. Menschenmassen quellen aus der U-Bahnstation Heysel am Stadtrand. Es regnet. Zwischen gigantischen Bauten im Stil der italienischen 1930er Jahre führt der Weg zu drei riesigen Hallen. Tausende sind gekommen. Sie wollen EU-Beamte werden.


Dafür müssen sie eine Reihe von schwierigen Prüfungen bestehen, die unter dem Begriff Concours bekannt sind. Die Auswahl ist hart. Für 41.000 registrierte Teilnehmer stehen nur 1060 Plätze zur Verfügung. Und die sind heiß begehrt. Nicht nur das Tätigkeitsfeld ist so vielfältig wie die Aufgaben der EU. Auch die Konditionen sind attraktiv. Ein EU-Beamter ohne Studienabschluss verdient zum Einstieg fast 3000 Euro netto, mit abgeschlossenem Studium gleich 1000 Euro mehr. Darüber hinaus winken absolute Arbeitsplatzsicherheit und ein einzigartiges Sozialsystem.

Der richtige Sitzplatz

"Palais 12 BLOC 2AE3" heißt es auf dem Einladungsschreiben des Europäischen Amts für Personalauswahl (EPSO), "Bewerbernummer 372602". Damit hat sogar die hilfsbereite Kommissionsmitarbeiterin im ersten Moment Probleme, den richtigen Sitzplatz zu finden. Etwa 600 Zweier-Klapptische stehen in der Messehalle allein in Halle 12. Noch größer sind die anderen beiden Räume mit gemeinsam rund 5500 Sitzen. Andere Menschen schwitzen in mehr als 42 EU-Prüfzentren über ganz Europa verstreut. Es herrscht nervöse Spannung. Niemand lacht. Aus Lautsprechern ertönt eine Stimme: "Es ist zehn Uhr. Während der Prüfung herrscht absolute Stille. Niemand darf seinen Platz verlassen. Handies müssen ausgeschaltet und auf den Tisch gelegt werden. Nach Zeitablauf legen Sie ihren Kugelschreiber nieder und bleiben ruhig sitzen. Wer gegen diese Regeln verstößt, scheidet aus dem Auswahlverfahren aus." Tatsächlich kehrt unmittelbar vollkommene Stille ein. Die EPSO-Mitarbeiter verteilen die Tests. Hat einer alle Bewerber versorgt, hebt er ein grünes Plastikschild in die Höhe. "Sie dürfen jetzt beginnen", sagt die Stimme.

Richtlinie 2004/18/EG

Drei Multiple-Choice-Tests gilt es zu bestehen, und einen Aufsatz über sein anvisiertes Fachgebiet zu schreiben: Getestet werden zunächst die Fachkenntnisse. In welchem Rechtsakt wird die Vergabe von EU-Projekten geregelt, heißt es etwa beim Concours für künftige Projektmanager: der Richtlinie 2004/18/EG, der Richtlinie 2004/17/EG oder der Verordnung (EG, Euratom) Nr. 2342/2002? Um dann das Wissen über die EU und ihre Institutionen und Kompetenzen abzuklopfen, wird unter anderem gefragt, ob der Internationale Buchführungsstandard IAS 39 nicht im Verantwortungsbereich der EU liegt, seit 1. Jänner 2005 in der EU gilt oder 2005 vom Europäischen Parlament abgelehnt wurde. Aufgaben zum Sprach- und Zahlenverständnis kommen hinzu. Im Mai teilt EPSO den Bewerbern mit, ob sie die erste Runde geschafft haben. Dann dürfen sie im Herbst zur mündlichen Prüfung antreten. Können sie auch dort reüssieren, haben sie den Job noch immer nicht - sie kommen auf die Warteliste und dürfen sich auf freie Stellen bewerben. Erst wenn sie dann die Bewerbungsgespräche überstehen, sind sie dabei.

Dolmetscher schon da

Derzeit stellen Österreicher an die 450 der 23.000 Kommissionsbeamten. Das entspricht mit zwei Prozent zwar dem österreichischen Anteil an der EU-Bevölkerung. Im Vergleich zu Finnland und Schweden mit je 600 scheint es aber mager. Die Differenz sei zum "überwiegenden Teil" durch die Dolmetscher zu erklären, sagt Österreichs stellvertretender EU-Botschafter Walter Grahammer: "Deutsch-Dolmetscher standen bei unserem Beitritt schon zur Verfügung."