45 Millionen Euro für ein Lebensjahr?

Von Christian Ortner

Gastkommentare

Mit der Rückkehr der Normalität werden auch gravierende Entscheidungen zu treffen sein.


Reiner Eichenberger ist einer der bekanntesten Ökonomen der Schweiz, Inhaber des Lehrstuhls für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg und für viele einer der einflussreicheren Schweizer Intellektuellen. Entsprechend laut war der Aufschrei, nachdem er in einem Gespräch mit der "Neuen Zürcher Zeitung" die steile These formulierte, der "Lockdown" der Schweiz wegen Corona sei der falsche Weg gewesen: "In einigen Wochen werden wir uns fragen: Sind wir eigentlich völlig von Sinnen gewesen?"

Laut seinen Berechnungen kostet die Schweiz derzeit ein einziges zusätzliches Lebensjahr, das sie bei meist betagten Patienten dem Virus um den Preis des wirtschaftlichen Stillstandes abringt, sage und schreibe 45 Millionen Euro. "Würde ein Medikament, mit dem jemand noch ein Jahr länger leben kann, so viel kosten, würde die Gesellschaft doch sagen: Spinnt ihr?"

Wer jetzt die "kaltes, menschenverachtendes Kalkül"-Keule schwingt, wird vielleicht den Applaus der Öffentlichkeit, nicht jedoch unbedingt zwingend die Ratio auf seiner Seite haben. Nutzen und Kosten gegeneinander abzuwägen, ist der Gesundheitsökonomie grundsätzlich nicht fremd; und ob die Krankenkassen so ein 45-Millionen-Medikament ohne weiteres auch 95-Jährigen verschreiben würden, muss eine grundsätzlich zulässige Frage sein. Dass dergleichen in der hiesigen Corona-Debatte weitgehend tabuisiert wird, ist ihrer Qualität nicht zuträglich. Zumal sie, wenn auch etwas verkleidet, in einigen Wochen auf Österreich zukommen dürfte.

Denn wenn der Plan der Regierung, was ja zu hoffen ist, einigermaßen klappt, wird nach Ostern zwar sukzessive Normalität zurückerobert werden - aber ohne Zweifel auch die Zahl der Ansteckungen, Hospitalisierten, Intensivpatienten und letztlich auch der Toten wieder etwas zunehmen.

Das wird nicht zu vermeiden, sein, die Frage ist nur, wie stark diese Zuwächse sein werden. Klar definiert ist bis jetzt nur, dass die Regierung "die Notbremse ziehen", also wieder strengere Maßnahmen implementieren wird, wenn sie "zu hoch" sind.

Genau hier wird es spannend. Denn jetzt stellt sich die Frage: Welche neuerliche Zunahme an Erkrankten und damit letztlich Toten sind wir bereit zu akzeptieren, um die Erholung der Wirtschaft nicht erneut zu gefährden? Bisher galt ja die Zahl der verfügbaren Intensivbetten letztlich als zentrales Kriterium. Solange die nicht überlastet werden, gilt das Gesundheitssystem als stabil und die Lage als unter Kontrolle. Nur: Dort sind wir noch lange nicht, das System könnte also offenbar durchaus noch ein Stück weiter belastet werden, ohne zu kollabieren. Das würde nahelegen, nicht gleich panisch die Notbremse zu ziehen, wenn die Fallzahlen wieder ansteigen - aber auch um den Preis von wie vielen zusätzlichen Toten?

Kein Parlament wird je über diese Frage entscheiden, sie wird wohl von der Regierung einfach getroffen werden. Da wäre es schon ganz interessant, wenigstens genau zu wissen, welches ökonomisch-medizinische Kalkül dieser Entscheidung zugrunde liegen wird, was also der Preis eines gewonnenen Lebensjahres ist.