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50 Grad Hitze statt Pensionsvorsorge

Von Klaus Huhold

Politik
Browning in Afar: Nach Australien will sie nicht mehr zurück. Foto: Sonne international

Hunger, Dürre, Malaria: Australierin betreibt Hilfsprogramme. | 60-Jährige kämpft gegen weibliche Genitalverstümmelung. | Kooperation mit NGO aus Österreich. | Wien. Valerie Browning weiß, was es bedeutet, in einer der unwirtlichsten und ärmsten Regionen der Welt zu leben. Die Heimat der 60-Jährigen ist die Region Afar in Äthiopien - und das ist das heißeste Wüstengebiet weltweit. Bewohnt wird die Gegend von den Afar-Nomaden, und seit Browning vor 21 Jahren einen Afar geheiratet hat, teilt die Australierin ihr Leben mit dem moslemischen Hirtenvolk. Kilometerlange Tagesmärsche bei mehr als 50 Grad Hitze gehören nun zu ihrem Alltag. Auf Annehmlichkeiten des westlichen Lebens wie Sozialversicherung oder Pensionsvorsorge hat sie verzichtet.


"Ich habe in die Armut eingeheiratet", sagt Browning. "Die Menschen in Afra haben jeden Tag die Sorge, wo sie genügend Essen oder Wasser herbekommen." Irrsinnig viele Kinder würden Krankheiten wie Tuberkulose, Malaria oder Cholera zum Opfer fallen, und die Sterberate von Frauen bei Geburten sei eine der höchsten weltweit.

Browning betreibt daher bereits seit 20 Jahren mit Mitgliedern der Afar die Hilfsorganisation Apda (Afar Pastoralist Development Association). Sie arbeitet mit westlichen Organisationen zusammen, einer der wichtigsten Partner ist dabei die in Österreich ansässige NGO "Sonne international", auf deren Einladung Browning derzeit in Wien ist.

Die Projekte decken ein weites Spektrum ab: So werden Wasserspeicher gegraben, der Viehbestand nach Dürreperioden gezielt aufgestockt oder Gesundheitsbeauftragte ausgebildet, die Impfaktionen durchführen oder bei Geburten helfen.

Apda und Sonne gehen dabei Schritt für Schritt vor. Zunächst einmal werden große Alphabetisierungskurse und Bildungsprojekte durchgeführt. Dass daran auch viele Frauen teilnehmen, kommt in der patriarchalen Gesellschaft der Afar Browning zufolge einer Revolution gleich. Die besten Schüler und Schülerinnen werden dann zu Lehrern oder zu Gesundheitsbeauftragten ausgebildet. Und sie sollen dann wiederum weitere Afar innerhalb ihrer Gemeinschaft schulen.

"Das Wichtigste an unserer Arbeit ist, den Afar die Möglichkeit zu geben, ihre Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen", betont Browning gegenüber der "Wiener Zeitung". Was die Moderne so mit sich bringt, sollen die Afar derart einsetzen können, dass es ihren Lebensumständen am besten entspricht. Von außen aufgepropfte Projekte, bei denen Entwicklungshelfer nicht mit der Kultur vertraut sind und nach ein paar Monaten wieder verschwinden, seien ohnehin zum Scheitern verurteilt, ist Browning überzeugt. So kommunizieren die Afar etwa viel über Sprichwörter - wer das nicht weiß, dringt nicht zu ihnen durch.

Offene Diskussion über brutale Praxis

Ein wichtiges Anliegen von Browning ist auch der Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung - eine brutale Praxis, die bei den Afra weit verbreitet ist und für die Opfer fatale Konsequenzen hat. "Die Frauen haben Angst vor der Heirat und dem Geschlechtsverkehr. Bei der Regelblutung haben sie oft starke Schmerzen."

Deshalb werden Sozialarbeiterinnen ausgebildet, die für Bewusstseinsbildung sorgen. Und auch diese kommen direkt aus den Afar-Gemeinschaften. Sie stehen in engem Kontakt mit den religiösen Führern. Die Genitalverstümmelung gehe dadurch stark zurück, freut sich Browning. "In den Gemeinschaften, wo dieses Projekt durchgeführt wird, gibt es nun einen offen Dialog, dass diese Praxis gegen den Islam ist, die Frauen verletzt und ihre Gesundheit gefährdet."

Derartige Erfolge würden ihr Energie geben, sagt die gelernte Krankenschwester. "Ich glaube daran, dass die Genitalverstümmelung ein Ende finden wird oder dass wir den Analphabetismus besiegen werden." Aufgeben ist für sie ohnehin kein Thema - das Wort Pensionierung existiere in der Sprache der Afar nicht.

Generell sind die Afar aber mit immer härteren Lebensbedingungen konfrontiert. Die Dürreperioden häufen sich, viele Tiere sind verendet. Zudem sind wegen der galoppierenden Inflation die Preise für Grundnahrungsmittel massiv gestiegen. Die Konsequenz: Der Hunger breitet sich aus.

Apda braucht daher als äthiopische Organisation mit beschränkten Ressourcen immer mehr die Hilfe von außen. Und genau in diesem Moment ist unklar, wie weit Sonne Apda noch unterstützen wird können. Denn die Projekte werden vom österreichischen Außenministerium etwa zur Hälfte mitfinanziert, und diese Gelder seien nun fraglich, berichtet der Obmann von Sonne, Erfried Malle. "Wir bekommen ständig zu hören, dass es immer mehr Organisationen gibt, die um denselben Topf konkurrieren, der immer kleiner wird."

Österreich hatte bereits im Vorjahr sein Budget für die Entwicklungzusammenarbeit auf 0,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) verringert. In diesem Jahr sind weitere Kürzungen geplant. Dabei sehen internationale Vereinbarungen einen Aufwand von 0,7 Prozent des BIP für Entwicklungshilfe vor.