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50 Jahre Mauer und kein bisschen weiser

Von Werner Stanzl

Gastkommentare

Querdenker müssen schon per definitionem anders denken als der Mainstream. Also gilt es, diesen nach dem Aus für Marx und Lenin mit Islam-Sprüchen zu nerven.


Die Welt war quasi über Nacht eine andere geworden. Michail Gorbatschow beendete in einer bravourösen One-Man-Show den kalten Krieg und ganz nebenbei den Sozialismus. Das ließ die linke Meinungsschickeria des Westens alt aussehen. Für die jüngeren Leser: Die linke Meinungsschickeria war ein Sammellager, in dem sich vornehmlich Studenten zwischen 1. und 32. Semester rekrutierten. Mit den alten Seefahrern hatten sie gemeinsam, dass sie sich von einem Stern leiten ließen, in ihrem Fall vom Sowjetstern. Einer aus ihrer Mitte schiss als aktiven Beitrag für die Weltrevolution auf den Katheder des Hörsaal 1 der Wiener Uni (kein Witz).

Nebenbei warfen sie dem Westen Imperialismus, Vietnam-Krieg und ungleichmäßige Reichtumsverteilung vor. Die Sowjets unterhielten zwar auch ein Imperium, was aber für unsere Linken sozialistischer Fortschritt war, da im Imperium der Sowjets Armut und Unfreiheit allgegenwärtig und folglich gleichmäßig verteilt war. Der systemimminenten Unfähigkeit des Sozialismus, die Seinen aus dem Schlamassel zu befreien, stand immerhin der gerechte Sozialausgleich beim Fretten und Improvisieren gegenüber.

Selbst als vor nunmehr genau 50 Jahren Ostberliner Baubrigaden auf Geheiß des Kremls sich und ihren Stadtteil einmauern mussten, waren unsere Linken um plausible Erklärungen nicht verlegen. Um zu überleben, hätte die DDR nicht anders können. Als ob dieser Fratze eines Staatssystems irgendjemand mit Common Sense nachgeweint hätte.

Diese Meinungskapriolen der sozialistischen Vordenker des Westens wären längst gegessen, hätten die Querdenker von heute daraus gelernt. Doch leider gilt: 50 Jahre Mauer und kein bisschen weiser. Denn wieder einmal provozieren notorische Querdenker den Mainstream, indem sie mit ihren Verteidigungsreden für den Islam mittelalterliche Finsternis predigen und selbst Auspeitschen, Handabhacken, Köpfen und Aufhängen im Namen Allahs plausibilisieren oder ausblenden.

Ist das tatsächlich das Anliegen der Nachkommen derer, die mit Genossen Lenin die Religionen als Opium für’s Volk ausradieren wollten?

Die gute Nachricht: Nein, ist es nicht. Wer lange genug zuhört, erkennt diese Geisteskinder eher als Vigilanten für die Rechte zugewanderter Moslems und damit auch für deren Rechte zur freien Religionsausübung. Ein Teil der Spezies Gutmensch also.

Doch wie immer gehört zu einer guten Nachricht auch diesmal eine schlechte. Die nämlich, dass uns diese Gutmenschen ständig im Ohr liegen werden. Diesmal nicht mit sozialistischen Parolen sondern mit der Verheißung eines kulturellen Quantensprungs, wären wir nur bereit, von Multikulti, nota bene vom Islam, zu lernen.

Diese Sprüche erinnern verdammt stark an den Unsinn diverser Spruchbänder aus der Zeit des Mauerbaus. Eines in großer Auflage lautete: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen”. Der Jungsozialist Alfred Gusenbauer war davon derart ergriffen, dass er bei seiner Erstankunft in Moskau in die Knie ging, um den Boden der Wiege der Revolution zu küssen - wobei er sich allerdings vor lauter Eifer bei der Adresse irrte und Moskau mit Leningrad, der tatsächlichen Wiege der Oktoberrevolution, verwechselte.

Werner Stanzl ist Publizist und Dokumentarfilmer.