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50 Prozent weniger Patientenschäden durch Teamtraining

Von Alexandra Grass

Wissen
Piloten können Ärzte in der Ausbildung unterstützen.
© © christianthiel.net - Fotolia

Techniken aus der Luftfahrt sind für Krankenhäuser 1:1 umsetzbar.


Wien. In einem Verkehrsflieger 10.000 Meter über der Erde: Es kommt zu einem Druckabfall in der Kabine. Wiewohl eine Situation wie diese als eher unwahrscheinlich gilt, sind Piloten dennoch darauf trainiert, solchen Gefahren professionell gegenüberzutreten und Passagiere und Flugpersonal sicher zu landen.

In einem Krankenhaus: Eine Penicillin-Allergie wird übersehen - es kommt beim Patienten zu einer schweren allergischen Reaktion mit drohendem Kreislaufversagen.

Bestimmte Trainingstechniken aus der Luftfahrt könnten die Schadensquote im Spital um bis zu 50 Prozent senken und systembedingte Routinefehler vermeiden helfen, stellte der Austrian-Airlines-Pilot und Trainer vieler Spitalsteams, Hans Härting, am Dienstag vor Journalisten fest. Eine immer komplexer werdende Medizin, Stress, Zeitdruck, Müdigkeit und lange Dienste bringen medizinisches Personal an die Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit. Der Weg zu mehr Sicherheit führt über Teamtrainings und den Einsatz von Checklisten, erklärte Norbert Pateisky, Gynäkologe sowie Sicherheitsexperte und Lehrbeauftragter an der Medizinischen Universität Wien.

In der Medizin sind 80 Prozent der auftretenden Fehler sogenannte "Notechs" (nicht technisch bedingte Fehler). Die Amputation des falschen Beins ist nur die Spitze des Eisbergs. Übersehene Allergien, versehentlich verabreichte Zehnfach-Dosierungen oder vergessene Operationstücher sind auch in Österreich an der Tagesordnung. Internationale Studien zeigen, dass Vergessen, Übersehen oder Verwechseln in Kombination mit mangelhafter Kommunikation zu den häufigsten Fehlern zählt.

Im Flugzeug kann ein schwerer Fehler auch für die Crew tödlich enden. Daher waren es in der Luftfahrt die Abstürze, die zum Umdenken geführt haben, so Härting. Entsprechende Trainings verbesserten die Sicherheit seit den 1970er Jahren sprunghaft.

Zum Wohle aller

Im Spital bleibt das Team im Gegensatz zum Patienten physisch in der Regel unbeschadet, doch die Suche nach dem Schuldigen führt bei Ärzten nicht nur zur Angst vor rechtlichen Folgen. Die Einführung von Checklisten und "Medical Team Trainings" schaffen Abhilfe - zum Wohle aller.

Eine Vorreiterrolle in der Patientensicherheit trägt das Krankenhaus Barmherzige Brüder in Linz. Mehr als 90 Prozent der Mitarbeiter nahmen an Teamtrainings teil, so der Ärztliche Direktor Thomas Müller. Ziel ist die Vermeidung von unbeabsichtigten Fehlern. Eckpunkte sind eine abgesicherte Kommunikation, der sichere Umgang mit gefährlichen Arzneien, die Einhaltung der Hygienerichtlinien, Team-Time-Outs (Besprechungen) bei Operationen und die korrekte Patientenidentifikation. Mit Fragen wie "Wann wurden Sie geboren?" oder "Wie lautet Ihr Vorname?" sollen Verwechslungen vermieden werden.

Bei 2,5 Millionen Aufnahmen jährlich kann hierzulande von 7500 geschädigten Patienten ausgegangen werden. Die Hälfte davon sei leicht vermeidbar, so Pateisky. Müller plädierte für eine "Kulturveränderung" in den Spitälern. Es dürfe nicht auf jene gezeigt werden, die Fehler machen, sondern müsse ein System in Gang gesetzt werden, das die Fehlerhäufigkeit reduzieren hilft.