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55 Tote bei den heftigen Kämpfen um Samarra

Von Gregor Mayer

Politik

Wieder wachte der Irak am Montag mit Bildern der Verwüstung auf: von Panzern niedergewalzte Autos, Wohnhäuser mit Hunderten Einschusslöchern, Jugendliche mit dicken, blutigen Bandagen im Krankenhaus. Doch was die Stadt Samarra, nördlich von Bagdad, wie ein Schlachtfeld aussehen ließ, war diesmal keine verheerende Autobombe, sondern ein wildes Gefecht zwischen US-Truppen und Widerständlern. Diese hatten an zwei unterschiedlichen Orten in der Stadt jeweils einen US-Konvoi angegriffen. Die Amerikaner erwiderten die Attacken mit ihrer geballten Feuerkraft. Panzergranaten und schwere Maschinengewehre kamen zum Einsatz.


Die Opferzahlen schwankten beträchtlich. 54 Iraker, darunter mindestens 46 Angreifer, wollten die Amerikaner, die selber ein Opfer zu beklagen haben, getötet haben. Offizielle Vertreter in Samarra sprachen von acht getöteten Zivilisten und Dutzenden Verletzten. Möglicherweise haben beide Seiten auf ihre Weise Recht: Die Amerikaner zählen auch sonst die toten Zivilisten bei ihren Aktionen nicht mit, die Iraker wiederum räumen ungern Verluste der Aufständischen ein.

Verblüffend war der zeitliche Ablauf der Attacken. Die Angreifer hatten offenbar im Vorhinein gewusst, wann und wo die Nachschubkolonnen der Amerikaner durch die Stadt kommen würden. Sie könnten es von einer bei den Amerikanern platzierten "Quelle" erfahren haben - die Besatzer sind auf die Hilfsdienste zahlreicher örtlicher Dolmetscher angewiesen -, oder es aus bloßem Beobachten der routinemäßigen Bewegungen der Amerikaner. Auch bei früheren Widerstandsaktionen stellte sich die Frage nach möglichen undichten Stellen bei den Besatzern. In den spanischen Medien wurde Montag die Tötung von sieben Top-Geheimdienstlern am Wochenende als ganz gezielte und geplante Tat eingeschätzt. "Das Netz der Informanten im Irak ist faul", schrieb die Tageszeitung "El Mundo". "Es ist mit Leuten durchsetzt, die für Iraks Geheimdienste gearbeitet hatten."

Eine nachrichtendienstliche Panne vermutete die "New York Times" auch beim Anschlag auf das Hotel "Rashid" Ende Oktober. Dem Raketenwerferangriff war der eben dort logierende US-Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz knapp entgangen. Unter Berufung auf US-Geheimdienstkreise schreibt die Zeitung, dass damals mindestens ein Hotelmitarbeiter für Saddams früheren Geheimdienst gearbeitet habe. Die Details über Wolfowitz' Hotelaufenthalt könnten so den Aufständischen zugeleitet worden sein.

Wenn etwas in Saddams schrecklichen Imperium funktionierte, dann waren es die Geheimdienste. Die fünf Agenturen bespitzelten und folterten nicht nur die Untertanen, sondern beschatteten sich auch gegenseitig. Saddam Hussein wollte keine einzige Organisation unter sich zu stark werden lassen. Tausende Mitarbeiter sind seit dem Ende der Diktatur ohne Brot und Lohn. Viele von ihnen dürften inzwischen dem Widerstand zuarbeiten, etliche ihn sogar anführen. Mit ihren High-Tech-Instrumenten wie Spionagesatelliten und Abhörvorrichtungen kommen die Amerikaner an diese bodenständigen Netzwerke nur schwer heran. Diese sind offenbar im Stande, ihnen mit ganz konventionellen Geheimdiensttechniken wie Beobachten, Warten, Beschatten und Zuhören enormen Schaden zuzufügen.